Folge 148 – TNG – Das künstliche Paradies

Am heutigen Weihnachtsfeiertag werden wir etwas philosophisch: man möchte ja, gerade in aktuellen Zeiten, gern eine perfekte Welt haben, ohne Probleme, keine Krankheiten, nix, was man als unpassend ansieht wie Blindheit…

Erinnerungen an „Space Seed“ oder „Star Trek II“ werden wach und unsere liebe Frau Troi zeigt, dass man sich manchmal Dinge genauso hinbiegen muss, damit sie ins eigene Weltbild passen um am Ende doch nicht auf den Pfoten zu landen.

Von uns gibt es nur das Beste nämlich ganz liebe Weihnachtswünsche, habt ein großartiges Fest, bleibt gesund und hört bis zum Ende durch wenn wir eine kleine Ankündigung für die nächste Episode machen.

Viel Spaß und fröhliche Treknachten!

2 Gedanken zu „Folge 148 – TNG – Das künstliche Paradies“

  1. Hallo Anja, Hallo Chris!

    Herzlich willkommen zum Ethik- und Philosophie-Podcast! 😊

    ACHTUNG: LANGER KOMMENTAR!

    Kocht erstmal einen Kaffee, nehmt euch Zeit, macht es euch bequem und lest in aller Ruhe mein Geschreibsel durch. ☕️ Ich habe es so gut ich konnte strukturiert.

    1. KÜNSTLICHE „PARADIESE“
    Die Folge „The Masterpiece Society / Das künstliche Paradies“ macht ein Fass (oder sogar mehrere riesengroße Fässer) auf, das wir in unserer Lebenszeit nicht werden schließen können. Beim vorliegenden Thema „genetische Veränderungen an Menschen“ kommt mir augenblicklich der großartige, faszinierende, tolle, einzigartige ihr-müsst-ihn-gesehen-haben Film „Gattaca“ von 1997 mit Uma Thurman, Ethan Hawke und Jude Law in den Sinn. Es ist einer meiner Lieblingsfilme und ich schaue ihn mir immer wieder an, weil er einfach unfassbar gut ist. Genauso stark und 65 Jahre älter, aber in meinem Kopf an zweiter Stelle angesiedelt ist der Roman „Brave New World“ von Aldous Huxley. Die Geschichten sind zwar nicht hundertprozentig vergleichbar, weil die Zivilisation in „The Masterpiece Society“ von Anfang an so konstruiert ist, während sich die Gesellschaften in „Brave New World“ und „Gattaca“ aus unserer „Gegenwart“ (1932 bzw. 1997) langsam in diese Richtung entwickelt haben. Außerdem hatte Huxley noch keinen Schimmer von Genetik. Seine Story würde man aber heute auf den Begriffen und Methoden der Genetik aufbauen. In allen drei Fällen geht es um dasselbe Thema, aber es wird jedes Mal aus einer anderen Perspektive betrachtet. Ich versuche mal, meine Eindrücke zu schildern. Ich werde keine Inhaltsangabe oder sowas schreiben, weil ich dafür auch gar nicht vorbereitet bin. Es geht mir nur um meine Gedanken zu den jeweiligen Geschichten.

    „Brave New World“ von Aldous Huxley (1932):
    Der Roman beginnt in einer „Hatchery“ („Brutstätte“) in London, wo Menschen buchstäblich am Fließband gezüchtet werden. Dabei teilt man sie schon vor ihrer Geburt in ein strenges Klassensystem ein: Die Embryonen, die der „höchsten“ Klasse, den sogenannten „Alphas“ angehören, dürfen sich ungestört entwickeln. Alle anderen werden – je nach Klasse – mehr oder weniger stark in ihrer Entwicklung behindert und geschädigt. Ein Kind, welches in die niedrigste Klasse der „Epsilons“ hineingeboren wird, hat damit schon Schädigungen erlitten, die sich negativ auf seine körperliche und geistige Entwicklung auswirken.

    Abhängig von ihrer Klasse erhalten alle Kinder eine Ausbildung, die ihren Fähigkeiten entspricht. Die „Alphas“ stellen die intellektuelle Elite dar. Als Erwachsene leiten sie z.B. Fabriken wie die Brutstätten. Außerdem werden sie selbst in „Doppelplus-“, „Plus-“ und „Minus-Alphas“ eingeteilt. Alle Klassen unterhalb der „Alphas“, also „Betas“, „Gammas“, „Deltas“ und „Epsilons“ sind für Arbeiten vorgesehen, die immer weniger Intelligenz und Bildung erfordern. Die „Gammas“ und „Epsilons“ stellen nur noch hirnlose Geschöpfe dar, die ihr Leben lang stumpfsinnige Arbeiten verrichten müssen.

    Diese Vision einer zukünftigen Gesellschaft finde ich an sich schon grauenerregend. Wenn ich mir aber überlege, dass der Roman 1932, also wenige Monate vor Ausbruch der „Machterschleichung“ Hitlers, veröffentlicht wurde, bekommt es eine zusätzliche Tragweite. Zu dieser Zeit waren in mehreren europäischen Staaten, darunter Spanien (Franco mit der Fraktion der republikanischen Rechten), Deutschland (Hitler mit der NSDAP), Österreich (NSDAP-Hitlerbewegung, Österreichische Legion), Italien (Mussolinis Faschismus), Kroatien (Ustascha), Ungarn („Pfeilkreuzler“ oder „Hungaristen“ unter Szálasi) und Rumänien (Eiserne Garde) faschistische, nationalistisch-völkische Parteien entweder an der Macht oder auf dem Weg dorthin. Das Japanische Kaiserreich hatte sich ebenfalls zu einer faschistischen oder zumindest dem Faschismus ähnlichen Diktatur mit extremem Nationalismus und Rassismus entwickelt. In „Mandschukuo“, dem von Japan auf dem Gebiet der besetzten Mandschurei gegründeten Marionettenstaat, begann die „Einheit 731“ mit Menschenversuchen zur Entwicklung biologischer und chemischer Waffen.

    Ich bin kein Historiker, behaupte aber, dass all diesen Regimen, ihren Ideologien und Verbrechen rassistische und sozialdarwinistische Gedanken liegen. Das beinhaltet die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die „von Geburt an höherwertig“ sind als andere und es so etwas wie „gutes“ und „schlechtes“ Erbmaterial gibt. Das „gute“ Erbmaterial soll „bewahrt“ und „gefördert“ werden. Des Weiteren ist darin die Idee einer „Auslese“ begründet, nach der sich nur „starke“ Individuen in der Gesellschaft durchsetzen dürfen. Die von Huxley in „Brave New World“ beschriebene Gesellschaft weist Elemente auf, die damals von Rassisten, Antisemiten, Sozialdarwinisten, Faschisten, Nationalisten und Chauvinisten in Amerika, Europa und Asien vertreten wurden. Eng verbunden mit diesem Gedankengut ist die „Eugenik“, welche schon ca. 400 v. Chr. vom griechischen Philosophen Plato als Zuchtprogramm für Menschen vorgeschlagen und im 20. Jahrhundert von den Nationalsozialisten adaptiert, aber auch in USA und Kanada diskutiert wurde.
    Insgesamt finde ich „Brave New World“ als Dystopie so stark, aber eben auch gruselig, weil es diese ideologischen Wurzeln in der Realität hat. Der Roman ist Fiktion, aber Menschen tun solche Dinge auch in der Realität! Die Geschichte ist eine krasse Zuspitzung und Übertreibung, die der Autor zur Verdeutlichung seiner Ansichten nutzt. Andererseits waren die Shoa und die massenhafte Ermordung Andersdenkender durch die Nationalsozialisten oder die beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki auch Zuspitzungen, die sich im Jahr 1932 kaum jemand vorstellen konnte. Hier wurde die Dystopie meiner Meinung nach teilweise von der Realität eingeholt.

    „The Masterpiece Society“ (1992):
    Ich finde es etwas schade, dass TNG hier keine Kontinuität pflegt. Wenn ich richtig gezählt habe, beschäftigte sich die Serie nämlich schon drei Mal mit Genetik, und zwar in den Folgen:
    „When The Bough Breaks / Die Sorge der Aldeaner“ (Staffel 1, Folge 17)
    „Unnatural Selection / Die jungen Greise“ (Staffel 2, Folge 7)
    „Up The Long Ladder / Planet der Klone“ (Staffel 2, Folge 18)
    Die Storys handelten entweder von Strahlenschäden, die zu Unfruchtbarkeit führen, genetischen Defekten durch jahrhundertelanges Klonen oder gezielte genetische Experimente an Menschen. In „Planet der Klone“ sagt Dr. Pulaski zu Data, dass die Kinder an Bord der Darwin-Station „genetically-engineered“, also gentechnisch erzeugt wurden. In „Das künstliche Paradies“ erfährt die Enterprise-Crew dasselbe über die Zivilisation auf Moab IV. Auch sie wurde mit Hilfe der Gentechnik erschaffen. Ich verstehe zwar, dass TNG eine 90iger Jahre-Serie ist und Bezüge zu früheren Episoden damals noch nicht in Mode waren. Trotzdem wäre eine kurze Erwähnung von Missionen, bei denen man mit Genetik zu tun hatte, schön gewesen.

    Ich frage mich, ob die Moab IV-Zivilisation in gewisser Weise ein Spiegelbild der Vereinigten Föderation der Planeten darstellt. Die Föderation wird uns oft als Utopie verkauft: Es gibt keinen Hunger, keine Kriege, kein Geld, keine Kriminalität, kein Streben nach materiellem Reichtum usw. Die Serien erklären aber nicht, wie die Gesellschaft funktioniert und wie sie diesen Status erreicht hat. Die Kolonisten auf Moab IV haben ihr „Utopia“ mithilfe der Genetik aufgebaut. In der Föderation ist nicht unbedingt die Gentechnik entscheidend, aber andere Technologien wie z.B. der Warpantrieb haben den Kontakt zu außerirdischen Völkern erst ermöglicht und ohne sie gäbe es keine Föderation. Die Erkundung und Erforschung des Alls wird selten in Frage gestellt, obwohl sie Gefahren birgt.
    Darum sehe ich sowohl bei der Föderation als auch bei den Kolonisten eine Wissenschafts- bzw. Technikgläubigkeit. In beiden Gesellschaften sind hochtechnologische Maschinen und Verfahren fest in den Alltag integriert, ohne die diese Zivilisation nicht existieren könnte: Die Kolonie könnte nicht ohne Gentechnik existieren und die Föderation könnte nicht ohne Warpantrieb existieren. Die Kolonisten wollen die Gefahren ihrer Gentechnik nicht wahrhaben, aber ist das bei der Föderation anders? Wer zieht in der Föderation in Betracht, dass der Warpantrieb und seine Nutzung negative Auswirkungen haben könnten? Robert Picard vertritt eine negative Haltung zur modernen Technik, aber er ist vielleicht nur ein griesgrämiger Zausel, der auf seinem Weingut hockt und vor sich hin lamentiert. Wir wissen nicht, ob seine Meinung einen Einzelfall darstellt oder unter Zivilisten auf der Erde weit verbreitet ist.

    Die Kolonie ist nach außen hermetisch abgeriegelt. Die Föderation betreibt ebenfalls eine Art von Abschottung, z.B. gegenüber Völkern wie den Romulanern. Rassistische Vorurteile gegen Außerirdische existieren schon seit dem 22. Jahrhundert durchgehend bis ins 24. Jahrhundert trotz der angeblich utopischen Gesellschaft.

    Wie bei der Kolonie stelle ich mir auch bei der Föderation die Frage, ob sie nicht schon einen Status der Stagnation erreicht hat. OK, es gibt keinen Hunger mehr. Weil Menschen in der Realität hungern müssen, entstehen aber auch viele gute Dinge, z.B. NGOs und Hilfsorganisationen wie „Brot für die Welt“ oder „Ärzte ohne Grenzen“, bei denen sich Menschen z.T. unter Lebensgefahr für andere einsetzen. Wenn es solche Probleme nicht mehr gibt, weil alle Menschen in relativem Wohlstand leben, sind Engagements dieser Art überflüssig. Menschen wie Mutter Theresa und Mahatma Gandhi wurden ja gerade durch ihren selbstlosen Einsatz und den Kampf gegen Ungerechtigkeit bekannt. Sie wurden zu Heldinnen und Helden, weil man Heldinnen und Helden BRAUCHTE. Auch die Religionen beziehen ihre Anziehungskraft aus dem Kampf gegen Ungerechtigkeit. Wieso sollte Jesus von Nazareth Wunder vollbringen, wenn niemand Wunder braucht? Brotvermehrung, Heilungswunder, Rettungswunder usw. wären in einer „perfekten“ Welt überflüssig! Märtyrer werden erst durch die Unterdrückung und Verfolgung ihrer Peiniger zu Märtyrern und Vorbildern für die Gläubigen. In einer Welt, in der Helden unnütz sind, weil alles „schick“ ist, werden die Menschen satt und faul, ähnlich wie die Kolonisten auf Moab IV. Wahrscheinlich MUSS es in der Föderation Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Kriegstreiberei und andere „unschöne“ Dinge geben, weil ihre Bürger die fehlerhafte, aber dennoch sehr weit entwickelte Gesellschaft, in der sie leben, ansonsten gar nicht würdigen könnten.

    Hannahs Frage, ob Picard an Bord eines Schiffes in einer Flasche leben möchte, finde ich super. Es gab schon eine Diskussion über Flaschenschiffe und eine Folge der 6. Staffel trägt sogar den Titel „Das Schiff in der Flasche“! Bin mal gespannt, wer da „in einer Flasche“ lebt…

    Ich gönne Deanna ihr sexuelles Vergnügen mit Aaron, v.a. weil ihr „Imzadi“ Bill ständig rumvögelt und damit wie in „Gefährliche Spielsucht“ sogar die Enterprise in Gefahr bringt. Trotzdem ist ihr Verhalten unprofessionell und finde es gut, dass sie das selbst erkennt.

    Ich werfe der Episode „The Masterpiece Society“ zwei Dinge vor: Erstens die schnulzige Rosamunde Pilcher-Lovestory um Deanna und Aaron und zweitens die Fokussierung auf Gentechnik. Es wird so getan, als ob die Kolonisten auf Moab IV allein durch Gentechnik ein „Utopia“ erschaffen hätten, in dem niemand an Krankheiten oder sonstigen Einschränkungen leiden muss. Das ist Blödsinn! Ganz viele Krankheiten und Einschränkungen bestehen nicht von Geburt an, sondern entstehen im Laufe des Lebens.

    Vielleicht ist die Lebenserwartung der Kolonisten sehr hoch und sie können 150 Jahre alt werden. Falls sie aber wirklich so alt werden, sind sie am Ende ihres Lebens zwangsläufig von altersbedingten Einschränkungen wie Schwerhörigkeit, Demenz, Gicht, Rheuma, Inkontinenz usw. betroffen! Sie sind trotz allem Menschen und keine theoretisch unsterblichen Androiden wie Data. Ein menschlicher Körper baut im Laufe des Lebens ab, das lässt sich auch mit den besten Genen und der fortschrittlichsten Medizin nicht verhindern. Außerdem muss es in der Kolonie ab und zu mal einen Unfall geben, bei dem sich jemand ein Bein oder einen Arm bricht und dann erstmal körperlich eingeschränkt ist, bis die Verletzung verheilt. Die Kolonisten treiben Sport und bei manchen Sportarten wie Eishockey oder Rugby gehen sich die SpielerInnen körperlich so hart an, dass es zu ernsten Verletzungen kommen kann. Sogar beim Fußball oder Basketball kann man sich einen Bruch zuziehen! Ein gebrochener Knöchel tut einem Kolonisten auf Moab IV doch genauso weh wie einem Menschen auf der Erde, oder?

    Bei Krankheiten muss es ähnlich sein, selbst der körperlich und geistig gesundeste Mensch der Welt kann erkranken! Man kann sich nicht gegen alle möglichen Einflüsse hundertprozentig abschirmen. Es gibt so viele verschiedene Krankheiten mit unterschiedlichen Ursachen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das alles „eliminiert“ werden soll.

    „Gattaca“ (1997):
    Von den genannten Geschichten ist „Gattaca“ die realistischste. Ich kann mir wirklich vorstellen, dass sich eine Industriegesellschaft in diese Richtung entwickelt. Die Ansätze dazu sehen wir heute schon in der Gentechnik und diversen Verfahren der Reproduktionsmedizin und Pränataldiagnostik. Ich kenne keinen anderen Film, in dem das Thema Eugenik so gut behandelt wird wie hier. Es ist keine besonders spannende Story, aber das tut dem Sehvergnügen wie ich finde keinen Abbruch. Die Spannung entsteht nicht durch vordergründige Dinge wie Action oder CGI, sondern durch den Anspruch und die Umsetzung, genau wie in „The Masterpiece Society“. Auf http://www.imdb.com habe ich mir die Trivia Facts durchgelesen und als erster Punkt wird dieser genannt (frei übersetzt):
    „Beim Kinostart von ‚Gattaca‘ wurden im Rahmen einer Marketingkampagne Werbeanzeigen geschaltet, die Paaren mit Kinderwunsch anboten, ihre Kinder genetisch verändern zu lassen. Tausende von Menschen hielten das Angebot für echt und riefen an, um genetische Manipulationen an ihren Kindern durchführen zu lassen.“

    Die Nachfrage nach Verfahren zur gentechnischen Manipulation von Menschen existiert also schon heute und ist keine Fiktion. Wenn jetzt noch die „Science“ in Form der Medizin dazukommt und diese Wünsche in greifbare Nähe rückt, könnten positive Einstellungen zu diesen Prozeduren gesellschaftsfähig werden. Dadurch werden Wahlen, Regierungen und die Gesetzgebung beeinflusst. „Die Zukunft hat begonnen.“ Es fragt sich bloß, WELCHE Zukunft begonnen hat…

    Anja und Chris, ihr habt so schön über „The Masterpiece Society“ diskutiert, dass ich euch auch „Gattaca“ ans Herz lege. Ihr werdet es nicht bereuen! 😉

    Alle drei Geschichten („Brave New World“, „The Masterpiece Society“ und „Gattaca“) haben neben der ähnlichen Thematik der Eugenik und Gentechnik zwei weitere Gemeinsamkeiten: Jedes Mal wird die Menschheit in Klassen eingeteilt und ihnen wird konsequent die Menschlichkeit „weggezüchtet“ bzw. „wegrationalisiert“, damit sie „effizienter“ werden. Das Borg-Kollektiv lässt grüßen.

    2. WAS IST „FORTSCHRITT?“
    Durch die Fortschritte in Wissenschaft und Technik sieht es so aus, als ob „die Menschen“, also diejenigen, die diesen Fortschritt nutzen können und davon profitieren, immer mehr Möglichkeiten bekämen. Das ist aber nicht der Fall, weil es sich langfristig gesehen – wie so oft im Leben – auch bei diesem Fortschritt um ein Tauschgeschäft handelt: man bekommt zwar etwas Neues, muss dafür aber etwas Altes (und vielleicht gar nicht so Schlechtes) aufgeben. Durch die Anwendung neuer Technologien entstehen immer neue Probleme und Risiken. Oft genug erkennen Menschen zu spät, dass sie die Büchse der Pandora geöffnet haben. In früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden gab es auf der Erde nicht WENIGER Probleme, sondern nur ANDERE Probleme. Außerdem waren unsere Vorfahren vor Äonen keineswegs „dumm“. Sie schafften es, in der Wildnis unter widrigen Umständen nicht nur zu überleben, sondern auch den Fortbestand ihres Clans und damit der ganzen Spezies sicherzustellen.

    Der Homo sapiens war in seiner Evolution durch Naturkatastrophen, Klimaveränderungen und Krankheiten mehrmals vom Aussterben bedroht. Nun gut, wir haben bis heute überlebt. Die Gefahr, dass unsere Spezies ausstirbt, besteht aber weiterhin. Heutzutage sägt der Mensch durch Kriege und Umweltzerstörung den Ast ab, auf dem er sitzt. Das Umdenken lässt in vielen Bereichen auf sich warten. Aktuell verfehlt Deutschland seine Klimaziele und stellt damit ein denkbar schlechtes Beispiel für andere Staaten dar. Die Einsicht kommt… wenn es zu spät ist. Erstmal schneiden wir uns kollektiv kräftig ins eigene Fleisch. Hurra!

    In der frühen Neuzeit war der Anteil der Analphabeten auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland viel höher als heute und Dinge wie Antisemitismus, Aberglaube und Hexenglaube gehörten zum Alltag. Im Jahr 2020 können 6,2 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren nicht richtig lesen und schreiben. Das sind leider immer noch zu viele, aber der Anteil wurde immerhin deutlich reduziert. Die Schulpflicht und Bildungsangebote, die zur Steigerung der Alphabetisierungsrate beitragen, halten Menschen aber nicht davon ab, an Geschwurbel zu glauben und den Schwurblern auf den Leim zu gehen. Die aktuelle Covid-19-Pandemie macht das gerade deutlich: Es gibt Impfstoffe und Impfkampagnen, aber eben auch beratungsresistente „Querdenker“ und „Impfgegner“, die sich einer medizinischen Behandlung, die schon unzählige Menschenleben gerettet hat, nämlich der Impfung, vehement verweigern. Damit bringen sie sich und andere Menschen, z.B. ihre eigenen Kinder, in Gefahr. Wie kann das sein? Solches Geschwurbel wird häufig über das Internet und die sozialen Medien verbreitet. Soziale Netzwerke wie Facebook werden von Konzernen betrieben, die in erster Linie Gewinne generieren möchten und erreichen das durch möglichst viele Nutzer, „Klicks“ und „Likes“. Vorsichtig ausgedrückt ist das nicht die optimale Voraussetzung zur Verbreitung von Bildung, im Gegenteil. Ich stehe diesen Unternehmen kritisch gegenüber, weil sie meiner Meinung nach mit der positiven „Vernetzung“ von Menschen werben, andererseits aber negative Entwicklungen wie z.B. die Bildung von in sich geschlossenen Gruppen, in denen extremistische Ansichten vorherrschen und entsprechende Inhalte geteilt werden, fördern. Die selbsternannten „Reichsbürger“ und radikale Vereinigungen aller Couleur machen sich diese Techniken zunutze und die gesamte Gesellschaft leidet darunter. Donald Trump wählte Twitter als Sprachrohr, um mit seinen AnhängerInnen in Kontakt zu treten und das ist kein Zufall. Das Erstarken der populistischen Parteien und die Verbreitung von Geschwurbel hängt eben auch mit der Nutzung von Twitter, Facebook & Co. zusammen. Die Trumps, Hermanns, Hildmanns, Jebsens und Naidoos dieser Welt „wachsen und gedeihen“ in einem Umfeld, das von der Infrastruktur der sozialen Medien geschaffen wurde. Dazu kommt, dass diese Unternehmen Milliardengewinne erwirtschaften, durch Steueroasen und diverse Schlupflöcher aber wenig bis gar keine Steuern zahlen, was mich auf die Palme bringt. Es gilt weiterhin das Prinzip „Gewinne werden privatisiert, Risiken werden sozialisiert“. Kümmert sich ein Herr Zuckerberg persönlich um ein Grundschulkind, das in Deutschland unter Cybermobbing leidet? Die Antwort lautet: Nein. Profitiert er von dem Konzern, der diese abscheuliche Form der psychischen Gewalt ermöglicht? Die Antwort lautet: Ja. Ihr versteht sicher, was ich meine.

    Ich mag den Spruch „Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.“. Er wird sowohl in „Deep Space Nine“ als auch in der Konkurrenz-Serie „Babylon 5“ genannt und bildet damit eine der zahlreichen Gemeinsamkeiten dieser beiden Serien. Im Reboot von Battlestar Galactica gibt es im Pilotfilm eine sehr schöne Szene zwischen Bill Adama, dem Kommandanten des Kampfsterns Galactica und der Bildungsministerin Laura Roslin, die dort mit einer Schulklasse zu Besuch ist. Wenn ich mich richtig erinnere, möchte Roslin den SchülerInnen besseren Zugang zu Informationen verschaffen und dafür moderne Computer benutzen. Adam ist dagegen und begründet seine Ablehnung damit, dass sein Schlachtschiff vor 40 Jahren im ersten Krieg gegen die Zylonen eingesetzt wurde, „weil jemand einen schnelleren Computer haben wollte“. Er hat recht, denn derjenige, der einst einen schnelleren Computer wollte, hatte keine bösen Absichten. Vielleicht versuchte er, Kindern beim Lernen zu helfen oder neue Therapien für schwere Krankheiten zu entwickeln. Ein anderer Mensch baute weiterentwickelte Roboter, mit denen z.B. verschüttete Menschen nach Erdbeben und anderen Naturkatastrophen schneller geborgen und dadurch gerettet werden konnten. Der Endpunkt dieser Evolution der Maschinen bildeten die Zylonen, die einen Krieg gegen ihre Schöpfer begannen. Die Serie zeigt den Ausbruch des zweiten Krieges zwischen Menschen und Zylonen. Dieser startet mit der Auslöschung der 12 von Menschen bewohnten Kolonien in einem von den Zylonen durchgeführten nuklearen Holocaust. Shit happens!

    Etwas Ähnliches kann uns auch passieren, weil wir durch unser Leben auf dem Planeten Erde ständig Prozesse anstoßen, deren weitere Entwicklung wir nicht absehen können. Ein Beispiel dafür ist der Themenkomplex Computerisierung, Automatisierung, Robotisierung und Künstliche Intelligenz. Aber auch die Genetik und Pränataldiagnostik bergen Gefahren. Der britische Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton leistete wichtige Beiträge zur Daktyloskopie, Statistik und Metrologie, gilt aber auch als einer der Vater der modernen Eugenik und legte seinen Schriften zur Vererbungslehre ein zutiefst rassistisches Weltbild zugrunde. Teile seiner Arbeit sind auch bis heute in Gebrauch und aus seiner Sicht kann die Eugenik zur „Verbesserung“ der Menschheit genutzt werden. Galton war selbst kein Verbrecher oder politischer Extremist, aber einige seiner Ideen können, wenn sie von Fanatikern mit ausreichender Machtfülle aufgegriffen werden, zur Rechtfertigung von Massenmord oder zur Ausführung desselben missbraucht werden. Dasselbe gilt für viele andere Erfinder und ihre Erfindungen, z.B. Otto Lilienthal, die Brüder Wright oder Alfred Nobel.
    Gentechnik und Pränataldiagnostik sind möglicherweise „Büchsen der Pandora“. Sie verschaffen neue Möglichkeiten, bringen aber auch Nachteile mit sich. Die angesprochenen In-Vitro-Diagnoseverfahren für Embryonen dienen auch zur Feststellung von Gendefekten, die dazu führen kann, dass ein Kind nicht geboren wird. Der Vorteil zur Pränataldiagnostik ist die Diagnose außerhalb des Mutterleibs, d.h. es findet kein Schwangerschaftsabbruch statt, wenn sich die potenziell werdende Mutter gegen das Kind entscheidet. Die Intention ist bei all diesen Verfahren dieselbe, nämlich die frühzeitige Erkennung von genetischen Defekten mit dem Ziel, menschliches Leid zu verhindern. Das ist zunächst einmal lobenswert. Ich verstehe jede Mutter und jeden Vater, die für ihre Kinder das beste wollen. Trotzdem stellt sich die Frage, wie sich die Anwendung solcher Diagnoseverfahren auf eine Gesellschaft auswirken.

    Wie genau definiert man einen „Gendefekt“? Mit Verfahren dieser Art kann u.a. auch eine Trisomie 21 diagnostiziert werden. Trisomie 21 ist eine Genvariante, deren Auswirkungen auf das Leben des betroffenen Menschen sehr schwierig vorherzusagen sind. Ich bezeichne es neutral als Besonderheit. Manche Patienten mit Trisomie 21 sind ihr Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen, andere können einen regulären Schulabschluss machen und normal arbeiten. Es gibt sogar HochschulabsolventInnen mit Trisomie 21. Ja, Trisomie 21 geht oft mit Begleiterkrankungen, z.B. der Atemwege oder des Verdauungstraktes einher. Diese lassen sich bei einer frühzeitigen Erkennung aber häufig gut behandeln. Die Lebenserwartung von Menschen mit Trisomie 21 stieg durch die moderne Medizin in den letzten Jahrzehnten erheblich.

    Dennoch kommen in Deutschland und anderen Ländern, z.B. in Skandinavien, immer weniger Kinder mit Trisomie 21 zur Welt. Die Ursachen dafür sind z.B., dass sich viele werdende Mütter und Eltern unsicher sind, ob sie ein Kind mit Trisomie 21 erziehen können und wollen. Hier vertrete ich dieselbe Meinung wie Prof. Dr. Frank Louwen, ein Arzt an der Uni-Klinik in Frankfurt am Main. Er meint, dass die Gesellschaft, also ihr, ich, wir alle zusammen, jeder werdenden Mutter die Entscheidung für ein Kind mit Trisomie 21 (oder einer anderen Disposition / Einschränkung) so einfach wie möglich machen sollen. Das geht nur mit Angeboten zur Betreuung, Pflege, Ausbildung und Unterstützung der betroffenen Menschen. Wenn es kaum noch Menschen mit dieser Veranlagung gibt, weil sie als „unerwünscht“ gelten oder Eltern gar angegriffen werden und ihr Kind „verteidigen“ müssen (nach dem Motto: „Ein Kind mit einer solchen Behinderung muss man doch nicht mehr haben!“), dann läuft etwas gewaltig schief. Ich sehe die Gefahr, dass sich unsere Gesellschaft in Deutschland und auch die Gesellschaften in anderen Ländern zunehmend in diese Richtung entwickeln. Wenn wir nicht aufpassen, werden Menschen, die sich aufgrund einer Einschränkung nicht wehren können, diskriminiert oder an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Das möchtet ihr nicht und ich genauso wenig!

    Genau das meine ich mit meinem Statement vom Anfang: Die Wissenschaft gibt uns neue Möglichkeiten, aber durch deren Anwendung verlieren wir etwas. Wir müssen uns dessen bewusstwerden, bevor wir es verlieren und nicht danach, wenn es zu spät ist.
    Es gibt Beispiele für beeindruckende Menschen, die mit einer schweren Einschränkung in Form einer schlimmen Krankheit oder einer Fehlbildung geboren wurden, aber trotzdem auf ihre Weise großes geleistet haben. Dabei denke ich an Joseph Carey Merrick, der unter einer schrecklichen Krankheit litt, die ihm eine „Bezeichnung“ (keinen Namen, sondern eine „Bezeichnung“) einbrachte, die ich grausam und entwürdigend finde und darum nicht nennen werde. Sie beweist nur, wie scheiße seine Mitmenschen waren. Googelt seinen Namen, dann wisst ihr, was ich meine. Ein weiterer Mensch mit einer körperlichen Einschränkung, die ihn nicht davon abhielt, seinen Traum zu verwirklichen, ist Christy Brown, Maler und Autor des Buches „My Left Foot / Mein linker Fuß“. Menschen können trotz einer Krankheit oder sonstigen Einschränkung ein gutes Leben führen, sich verwirklichen und einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Wir müssen ihnen das ermöglichen, um uns selbst zu helfen. DAS bedeutet für mich Fortschritt! Vielleicht braucht jeder einen Geordi, der für ihn sieht und dabei mehr wahrnimmt als die Sehenden. Hier kommt mir ein Zitat aus der Erzählung „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry in den Sinn, und zwar: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“.

    In meiner Kindergartengruppe gab es einen Jungen mit Neurodermitis, der sich oft im Gesicht und an den Händen kratzte und mehrmals täglich eine Salbe auf die betroffenen Stellen auftragen musste. So eine Krankheit ist für die Betroffenen schlimm, aber ich begriff dadurch schon im Kindergartenalter, dass es Menschen mit solchen Einschränkungen gibt. In der ersten Klasse hatte ich eine Klassenkameradin mit Osteogenesis imperfecta (umgangssprachlich „Glasknochenkrankheit“ genannt). Wegen ihrer Krankheit musste sie immer sehr gut auf sich Acht geben, durfte nicht Fahrrad fahren oder am Schulsport teilnehmen. Sogar das Fußballspielen auf dem Pausenhof war ihr versagt. Sie war lieb, nett, hilfsbereit und hübsch, kurzum: ein ganz süßes Mädchen, das außerdem zu den Klassenbesten gehörte. Ich mochte sie, und zwar so, wie sie war – mit oder ohne Krankheit. Vor vielen Jahren schaute ich mir im Fernsehen eine Doku an, in der eine Rechtsanwältin interviewt wurde. Worum es dabei ging, weiß ich nicht mehr, aber die Anwältin hatte keine Arme. Sie saß mit nackten Füßen auf einem Stuhl und hielt einen aufgeschlagenen Aktenordner vor sich. Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass eine Einschränkung nicht zwangsläufig negative Auswirkungen haben muss. Jura gehört zu den schwierigsten Studiengängen, aber diese Frau hat es trotz ihrer erheblichen Einschränkung geschafft! Wenn ich mir eine Liste mit Einschränkungen oder Dispositionen aufstelle, die genetische Ursachen haben können, dann kommt Einiges zusammen: Neurodermitis kann u.a. genetisch bedingt sein; Osteogenesis imperfecta ist genetisch bedingt; eine Dysmelie (Fehlbildung von Gliedmaßen) ist angeboren und damit genetisch bedingt; Geburtsblindheit ist angeboren; Trisomie 21 ist angeboren etc. Theoretisch kann wahrscheinlich jede dieser Einschränkungen durch Untersuchungen vor der Geburt festgestellt werden, d.h.: in jedem dieser Fälle könnte eine werdende Mutter eine Entscheidung für oder gegen das Kind treffen. Wenn sich eine Mutter oder ein Ehepaar außer Stande sieht, ein Kind mit so einer Einschränkung zu erziehen, dann ist das im Einzelfall eine nachvollziehbare und legitime Entscheidung. Die verschiedenen medizinischen Verfahren und Untersuchungen haben ihre Berechtigung und sind sinnvoll, das streite ich nicht ab. Wenn es aber nicht bei den Einzelfällen bleibt, sondern lebensfähige Kinder aufgrund einer solchen Einschränkung systematisch abgelehnt und deshalb nicht geboren werden, haben wir als Gesellschaft langfristig ein Problem. Diese Menschen haben, so sie denn zur Welt kommen und überleben, etwas beizutragen und tun das auch. Joseph Carey Merrick ist mit seiner Krankheit ein Extremfall, aber so weit muss man gar nicht gehen. Viele Kinder kommen nicht zur Welt, weil sie Trisomie 21 haben und das ist eine „alltägliche“ Genvariante, die nicht wie bei Merricks Krankheit furchtbare Deformationen des Körpers zur Folge hat.

    Ich spiele ab und zu „Textadventures“, das sind Computerspiele ohne Grafiken, Musik oder Soundeffekte. Das Spiel läuft nur über eingeblendete Texte ab, die dem Spieler alle Infos über die Spielwelt und seine Interaktionsmöglichkeiten geben. Ich finde diese Spiele toll, weil der Trend bei Computerspielen zu immer besseren, realistischeren und aufwendigeren grafischen Darstellungen geht und sie ein Gegenmodell dazu darstellen. Die „Grafik“ passiert nicht auf dem Monitor, sondern in meiner Fantasie. Auf YouTube gibt es eine Doku über Textadventures mit dem Titel „Get Lamp“, in der auch blinde SpielerInnen von Textadventures zu Wort kommen. Für sie sind die Spiele besonders gut geeignet, eben weil alles durch Texte beschrieben wird. Eine klassische Situation in einem Textadventure besteht darin, dass sich der Spieler/die Spielerin in einem dunklen Raum befindet. Darauf folgt eine Meldung wie z.B.:
    „Du wachst in einem stockdunklen Raum auf und kannst nichts sehen.“

    Sehende SpielerInnen versuchen dann instinktiv, im Spiel eine Lichtquelle zu finden, um etwas „sehen“ zu können. Einer der blinden Spieler in der Doku meinte dazu, dass er sich gar nicht an der im Spiel beschriebenen Dunkelheit stört, weil das sein Alltag ist. An dieser Stelle musste ich lachen, weil seine Aussage einerseits meiner eigenen Intuition widerspricht, aus seiner Perspektive aber logisch ist. Diese unterschiedliche Sichtweise auf ein Problem, das wir beide (der blinde Spieler und ich als sehender Spieler) in einem Textadventure erleben, finde ich spannend! Genauso wie in diesem harmlosen Beispiel mit einem Computerspiel gibt es unendlich viele verschiedene Situationen, die von Menschen ohne und Menschen mit Einschränkungen ganz unterschiedlich wahrgenommen werden. Wenn es die Menschen mit Einschränkungen nicht gäbe, würden uns Sichtweisen auf viele Sachverhalte und Probleme einfach fehlen. Genau das kommt durch die Story mit Geordi zum Ausdruck: Nur WEIL er blind ist und einen Visor trägt, besitzt er die außergewöhnliche Perspektive und findet eine Lösung.

    Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Menschen mit und ohne Einschränkungen gut zurechtkommen können. Ich selbst bin übrigens ein nicht schwindelfreier, brillentragender Stubenhocker. Abgesehen davon habe ich keine Einschränkungen.

    Bei Themen wie Pränataldiagnostik und Gentechnik verurteile ich niemanden, der eine abweichende Meinung vertritt, weil da es dabei um Grenzbereiche geht und existenzielle Fragen aufgeworfen werden, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Das gilt auch für die sogenannten „Rettungsgeschwister“. Damit fange ich jetzt nicht mehr an, sonst wird mein Kommentar doppelt so lang. Elf DIN A4-Seiten sind genug! 😊

    3. MENSCHEN BRAUCHEN PROBLEME
    Ich habe es schon erwähnt: Nur weil Menschen Hilfe benötigen und andere ihnen diese Hilfe anbieten können und möchten, gibt es HeldInnen und Helden, Märtyrer bis hin zu Heiligen. Es muss immer Licht und Schatten geben!

    Keine werdende Mutter wünscht sich, dass ihr Kind schwerkrank oder mit einer Fehlbildung zur Welt kommt. Dennoch schaffen es auch Menschen, die mit so schwierigen Voraussetzungen geboren werden, etwas zu bewegen. Ich finde diese Menschen und ihre Leben wirklich faszinierend und inspirierend! Ich hatte schon mal den österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier und seine Sendereihe „Köhlmeiers Märchen“ erwähnt. In einer Geschichte sagt er sinngemäß: „In jeder Geschichte geht es um Menschen und ihre Probleme. Überall dort, wo es Probleme gibt, werden Geschichten erzählt.“. Wenn es keine Probleme gäbe, könnte man auch keine Geschichten erzählen und alles wäre sterbenslangweilig. Wir brauchen also Probleme, an denen wir wachsen können, so einfach ist das. Menschen lieben nun mal Geschichten, sie verspüren einen unbändigen Hunger nach neuen (oder auch alten) Geschichten, die sie noch nicht kennen. Deswegen gibt es Mythen, Märchen, Sagen, Legenden, die über Generationen, Jahrhunderte, Jahrtausende weitererzählt werden. Das Gilgamesch-Epos war in der Folge „Darmok“ ein Thema. In den Werken griechischer und römischer Autoren wie Homer, Ovid und Vergil geht es um Menschen und ihre Probleme. In der gesamten Literatur geht es im Grunde darum, wie unterschiedliche Menschen mit ihren Problemen umgehen. Jeder Spielfilm und jede Filmbiografie („Biopic“) erzählt von Menschen und ihren Problemen.
    Unglücke wie der Untergang der Titanic und die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl sind furchtbar und beschäftigen uns mit ihren negativen Auswirkungen bis heute.

    Andererseits lassen sich diese Stoffe sehr gut vermarkten, wenn sie passend aufbereitet werden. „Titanic“ ist mit seinem inflationsbereinigten Einspielergebnis von 3,327 Milliarden US-Dollar bis heute der dritterfolgreichste Kinofilm aller Zeiten. Ich kann den Vietnamkrieg nicht beurteilen, aber „Apocalypse Now“ ist ein hervorragender Film. Der Horror des Krieges wurde selten so großartig in Szene gesetzt wie dort! Ich habe das Buch „Bis zur letzten Stunde“ von Traudl Junge gelesen und den Film „Der Untergang“ gehört für mich zusammen mit „Stalingrad“ und „Das Boot“ zu den besten jemals gedrehten Kriegsfilmen. „Die Deutschen“ haben zwar zwei Weltkriege verloren, können darüber aber gute Filme produzieren. Mit den Opfern der Tschernobyl-Katastrophe habe ich Mitgefühl, aber „Chernobyl“ ist eben eine wirklich gute und erfolgreiche Serie, die es ohne dieses furchtbare Ereignis nicht gäbe. Jedes Medium (Musik Roman, Spielfilm, Dokumentation, Computerspiel etc.) ist nur erfolgreich, wenn es bei den Konsumenten Emotionen hervorruft. Oft besteht das Auslösen einer emotionalen Reaktion darin, dass „auf die Tränendrüse gedrückt“ wird. „Sex sells“, aber auch tragische, dramatische und traurige Geschichten verkaufen sich gut. Das klingt alles sehr zynisch. Menschen sind leider auch Voyeure bzw. „Schaulustige“. Ich bin kein „Gaffer“, der an der Autobahn steht und Fotos von Unfällen schießt, habe aber Spaß am Lesen oder Anschauen einer guten Geschichte. Die Story kann fiktiv oder real sein, das ist für mich nicht entscheidend. Im Römischen Reich waren Gladiatorenkämpfe, bei denen Menschen und Tiere auf blutige und grausame Weise umgebracht wurden, das bevorzugte „Unterhaltungsmedium“. Ich bezeichne das heute als „barbarisch“ und ziehe mir im Stream das neueste „Alien-Zombie-Kettensägen-Gemetzel“ oder einen auf Tatsachen basierenden Katastrophenfilm an. Vielleicht wird man auch das irgendwann als „unzivilisiert“ und „grausam“ bezeichnen.

    Wow, das war jetzt ein Rundumschlag! 😅 Ihr habt es selbst schon gesagt: Hier kann man wirklich ewig weiterdiskutieren, darum mach ich jetzt Schluss.

    Ich bin eurer Meinung: „The Masterpiece Society“ ist eine gute Folge und bekommt in meinem Star Trek-Poesiealbum 8 von 10 Kernfragmenten.

    Ich schaue mir auch keine Soaps an. Manche behaupten ja, DS9 wäre teilweise zu „seifig“! 😉 Es gibt jetzt sogar ein Spin-off zur deutschen Soap „Verbotene Liebe“. Es heißt…
    „Verbotene Liebe NEXT GENERATION“!!!

    Oh je, TNG als Soap Opera… Gibt es dann nicht „den Planeten der Woche“, sondern „den Seitensprung der Woche“? Das möchte ich mir lieber nicht vorstellen!

    Ich habe euch beide schon mal auf einem Gruppenfoto mit Eric und Daniel vom Federation Cast gesehen! 😊 Es wurde auf der FedCon 2019 aufgenommen:
    https://www.federation-cast.de/2019/06/09/cast-081-fedcon-28-tag-2/c9799d77-6208-4fbb-a559-3929b092d6b5/

    Euer Video habe ich mir noch nicht angeschaut, werde es aber bald tun. Als ich anfing, euren Podcast zu hören, dachte ich aus irgendeinem Grund, Chris wäre Brillenträger und Anja nicht. Jetzt weiß ich, dass es andersherum ist.

    Vielen Dank für das Lesen meines Mega-Kommentars. Es gibt einfach sehr viel zum Thema zu sagen.
    Anja und Chris, Ich wünsche euch ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2020! Möge die Antimaterieeindämmung mit euch sein…

    LL&P 🖖 👋
    2Voq

    1. Hi 2Voq,

      wow, das war ja mal ein Hammer-Kommentar. Also…
      Brave New World kenne ich zwar nicht, aber es klingt wie die absolute Blaupause an Story, an die sich viele, gerade dystopische Sci-Fi-Storys anlehnen. Das hat wohl seinen Ursprung noch viel weiter in der Vergangenheit, aber gerade in „moderneren“ Zeiten finden sich solche Elemente immer wieder. An den Film Gattaca kann ich mich kaum noch erinnern, ich war damals noch zu klein, um viel davon zu verstehen (habe ihn Ende der 1990er im Free-TV gesehen), fand ihn daher aber auch doof. Ich werde ihn mit bald mal wieder gucken, ich bin sehr sicher, ich gehe anders an den Film heran (ich mag Uma Thurman und auch Jude Law sehr). Insofern, danke für einen späten Filmtipp 😉

      Wenn ich so darüber nachdenke, verstehe ich die Kolonie auf Moab IV nicht direkt als Spiegelbild der UFP, sondern eher als pervertierte, faschistische Version der UFP, quasi: so könnte die UFP aussehen, wenn sie es maßlos übertreibt mit dem Gedanken, nur das Beste für ihre Leute zu wollen und das Beste aus ihnen herauszuholen. Am Ende dieses Gedanken steht, Leute entsprechend zu „designen“, die das Beste aus sich für die Kolonie (den Grundgedanken der Kolonie bzw. UFP) herausholen, also die vermeintlich perfekte Gesellschaft. Was dann fehlen wird, ist die Pluralität und Diversivität einer Gesellschaft, die eine Gesellschaft erst lebenswert, ja vital macht und sie bereichert. Und nicht, wie bei Moab IV spezialisiert, wenn man es so Nett ausdrücken will. Wohl eher einengt oder noch besser sterilisiert ggü. äußeren Einflüssen, die jede Gesellschaft gebrauchen kann, sonst merkt sie nicht, wenn sie von einem einstmals guten Weg abgekommen ist. Übrigens ebenfalls eine interessante Idee für eine gute Star Trek-Serie, eine Föderation nach diesem Vorbild in etwa 2 Jahrhunderten, die die alten Werte verloren hat und nun mühselig einer Reform entgegensieht.
      Generell stimme ich deiner Einschätzung zu bzgl. perfekte Menschen werden lethargisch und faul, Helden braucht es nicht mehr. Etwas ähnliches, nur lange nicht so weit gedacht, wäre auch eine Idee zu einer ST-Serie, die ich gern sehen würde. Ich mag ja Geschichten, in denen Menschen Fehler begangen haben und lernen müssen, sie sich nicht nur einzugestehen, sondern ihr Verhalten anpassen müssen. Aufgezogen auf eine ganze Zivilisation, wie die Moabianer (oder wie man die nennen soll) könnte das interessant sein. Ich stimme dir damit auch zu, dass eine solche perfekte unkranke Gesellschaft schwer glaubwürdig ist.
      Ich habe mit sehr großem Interesse deine Ausführungen gelesen und ja, diese Arroganz, die Gesellschaften an den Tag legen um das vermeintlich Beste für alle anzustreben, kann man sehr gut beobachten. Ich kann dieses ganze Geschwurbel, wie du es nennst, auch nicht mehr ab, weder vor der aktuellen Weltkrise, noch jetzt gerade. Es ist immer wieder erschreckend, welches Gedankengut sich auch im privaten Umfeld manchmal finden lässt, oft auch in kleineren Bemerkungen des Alltags.
      Mir hat auch gerade diese Hinführung mit Geordi in der Folge deshalb so gut gefallen, weil ich den Gedanken gut leiden kann, dass die vermeintliche Einschränkung vielleicht einfach nur eine andere Sichtweise ist. Menschen, die sich für gesund und richtig halten, legen oft auch diese Arroganz an den Tag, ohne es vielleicht so zu meinen. Das Wort Behinderung wird gedankenlos verwendet als ob es auch um Schuld geht. Um ein Versagen der betroffenen Person. Die Behinderung kommt aber oft nur dadurch zustande, weil die Person mit der Lebensweise in der Gesellschaft Schwierigkeiten hat, nicht mit sich selbst. Vielleicht liegt der Fehler aber eher an der Gesellschaft, die sich nicht bemüht, jene Menschen zu integrieren, ihnen zuzuhören. Ich hoffe, ich kann das einigermaßen gut darstellen, ich versuche, das ja immer recht knapp zu fassen, zumindest wenn ich schreibe, weil ich etwas schreibfaul bin. In einem Gespräch würde ich das noch viel tiefer ausformulieren, aber letztendlich bei dir wieder ankommen.
      Ich persönlich höre gern zu, Menschen wie Geordi, die eine andere Sicht auf die Dinge haben. Sowohl in Geschichten, als auch im echten Leben. Und dir, 2Voq, höre ich sowieso gern zu.
      Wenn ich was missdeutlich ausgedrückt habe, tut mir das leid, ich will niemandem auf die Füße treten.

      Kurze kleine Endbemerkungen:
      – Ich, Chris, habe früher in der Tat eine Brille getragen, weil meine Augen schlechter wurden. Heute trage ich Kontaktlinsen, eine Brille besitze ich nur noch als Nothilfsmittel. Ich bin relativ schwindelfrei, ansonsten leide ich an androgeetischer Allopezie (genetisch bedingter Haarausfall) (ob ich auf Moab IV hätte leben dürfen mit dieser Schmach?). Insofern hast du halb richtig gelegen ;-). Außerdem lese ich langsamer als andere Menschen, dafür aber gern und viel.
      – Wir wünschen dir auch alles Gute für das Jahr 2020 (gehabt) zu haben und v. a. (das wolltest du sicher auch meinen, hehe) für das neue Jahr 2021 viel Freude. 2021 klingt echt nach weit in der Zukunft.

      Zum Abschluss noch ein Wort: sei versichert, Gattaca wird erneut gesichtet!

      Liebe Grüße
      Chris und Anja

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.