Folge 185 – TNG – Angriff der Borg – Teil 1 & 2

Data kriegt Gefühle, Borg, die sich selbst bewusst sind, ein Bruder, der mal wieder Intrigen spinnt und ein schöner Spaziergang an einem sonnigen Tag sind nur einige der Dinge, die uns heute beschäftigen. Außerdem darf Beverly mit eigener kleiner Mannschaft Dr. Reygars Schilde ausprobieren und Poker mit Physiker-Ikonen darf auch nicht fehlen.

Wir wagen anschließend einen Blick zurück und einen nach vorn. Das alles und noch viel mehr in unserem bisherigen Spieldauer-Rekordhalter! Viel Spaß!

2 Gedanken zu „Folge 185 – TNG – Angriff der Borg – Teil 1 & 2“

  1. Hallo Anja, Hallo Chris! 😊

    Ich teile meinen langen Kommentar wieder in zwei Teile.

    DESCENT:
    Admiral Alynna Nechayev begegnet uns in vier TNG-Folgen und danach in DS9. Bei jedem ihrer TNG-Auftritte hat sie eine andere Frisur, aber in DS9 trägt sie einen Bubikopf und der passt meiner Meinung nach am besten zu ihr. Ich bin kein Frisuren-Nerd, aber das musste ich loswerden!
    Simon und Sebastian haben am vorletzten Dienstag ihren Podcast zu „I Borg“ hochgeladen und kritisiert, dass Hugh dort zu naiv und harmlos wirkt. Diese Kritik kann ich gut nachvollziehen. So habe ich es bisher auch nicht betrachtet, aber Locutus war ein ganzes Stück ambivalenter: Während seiner Assimilierung weinte er, was entweder ein rein körperlicher Reflex oder eine emotionale Reaktion auf die Angst und den Stress war. Als Data, Beverly und Geordi ihn de-assimilierten, versuchte er sich mit Gewalt zu wehren. Diese Szene kann man auch auf verschiedene Weisen interpretieren: Entweder Locutus von Borg wehrte sich gegen seine Feinde ODER Jean-Luc wehrte sich, weil er in dem Moment wegen der ganzen, furchtbaren Situation in Panik geriet, ODER es war eine Mischung aus beidem. So eine nonverbale Reaktion wäre bei Hugh auch schön gewesen: In einem Moment ist er friedlich, aber das schlägt blitzartig um und er wirkt bedrohlich und gruselig. Zu den Borg würde das sehr gut passen, schließlich verhalten sie sich ähnlich. Solange ich mich an Bord eines ihrer Schiffe aufhalte und nichts unternehme, um ihnen aktiv zu schaden, ignorieren sie mich. Sobald ich aber anfange, rumzuballern, werde ich als Bedrohung wahrgenommen und bekämpft.

    Bei DS9 frage ich mich oft, ob Charaktere wie Odo und Nog hauptsächlich deshalb so sympathisch rüberkommen, weil sie sich sehr menschlich verhalten. Wahrscheinlich stülpe ich unbewusst anderen Spezies meine Wertvorstellungen über und erwarte, dass sie sich danach richten. Hugh wäre auch dann ein spannender Charakter gewesen, wenn er sich der Individualität bewusst verweigert hätte, um weiterhin Borg zu bleiben. Das soll keine Kritik an „Descent“ sein, sondern eine allgemeine Betrachtung. Das Borg-Kollektiv sehe ich als Analogie zu Diktaturen oder Sekten. Die einzelnen Mitglieder denken und handeln nicht eigenständig, sondern folgen einem Diktator oder Guru. Wenn ich als Analogie Scientology nehme, stelle ich mir eine Person vor, die in der Scientology-Gesellschaft geboren wurde oder viele Jahre dort gelebt hat. Eines Tages wirft sie einen Blick nach draußen und erfährt für kurze Zeit, wie es sich anfühlt, NICHT in der Scientology-Gemeinde zu leben. Sie muss das aber nicht gut finden und darf sich durchaus dafür entscheiden, in ihre angestammte Gesellschaft zurückzukehren. Ihr deswegen einen Vorwurf zu machen, wäre Heuchelei und würde dem Gedanken der Individualität und Freiheit widersprechen. Freiheit bedeutet eben immer die Freiheit der Entscheidung. Falls eine Person ihre persönliche Freiheit nutzt und Entscheidungen trifft, die mir nicht gefallen, ist das mein Problem und nicht ihres, solange sie sich im Rahmen der geltenden Gesetze bewegt. Ich glaube, dass wir uns bei DS9 und VOY ganz ausführlich über solche Themen unterhalten werden!

    Meine Kritik an „Descent“ kommt jetzt! 😁
    Meiner Meinung nach war Picards Entscheidung zur Vernichtung des Borg-Kollektivs in „I Borg“ von Anfang an auf mehreren Ebenen falsch. Ja, die Borg sind eine große Bedrohung, die man bekämpfen muss. Es spricht aber ganz viel gegen den Völkermord an den Borg.

    ERSTENS: Picard befiehlt als Captain eines Raumschiffes einen Genozid. Simon und Sebastian sagten es in ihrer Diskussion: Wenn in einer früheren TNG-Folge, in TAS, TOS oder in einem Star Trek-Kinofilm eine Person aufgetaucht wäre, deren Ziel in der Ausrottung einer intelligenten Spezies bestanden hätte, wäre das der Bösewicht gewesen und wir hätten sie/ihn zurecht dafür gehasst. Wer hat das Recht, über die Auslöschung einer Spezies zu entscheiden? Wir haben schon auf der Erde keine Rechtfertigung für die Ausrottung von Bären, Wölfen, Walen, Tigern, Nashörnern und anderen Spezies außer dem „Recht des Stärkeren“ – „Wir tun es, weil wir es können, Punkt.“. Als Zivilisation, die sich selbst als fortschrittlich begreift, die dunkle Vergangenheit (der Menschen, der Vulkanier usw.) hinter sich lässt, viele außerirdische Völker aufnimmt und mit anderen Frieden schließt ist dieses Vorgehen für die Föderation untragbar. Wenn man am Ende des 24. Jahrhunderts so agiert, hätten Kirk & Co. im 23. Jahrhundert die Horta und ihre ganze Spezies auslöschen müssen, weil sie für die Menschen eine Bedrohung waren.

    ZWEITENS: Die Föderation/Sternenflotte/Enterprise-Crew weiß, wie die Borg als Spezies funktionieren: Ein kollektiver Verstand kontrolliert alle Aktionen der Borg. Einzelne Individuen und ganze Zivilisationen/Völker/Spezies werden mit brutaler Gewalt assimiliert und in das Kollektiv gezwungen. Picard hat diese Assimilierung am eigenen Leib erfahren und mithilfe seiner Freunde überlebt. Nach seiner Rettung erlangte er seine Individualität und Menschlichkeit zurück. Bei Hugh zeichnet sich dasselbe Schema ab: Sobald eine Borg-Drohne vom Kollektiv isoliert wurde, kann ein Prozess beginnen, an dessen Ende die ehemalige Drohne wieder zum Individuum wird und eine Persönlichkeit mit allem Drum und Dran besitzt. Mit diesen Individuen kann man reden und sie davon überzeugen, dass sie außerhalb des Kollektivs die Chance auf ein besseres, selbstbestimmtes Leben haben. Somit sind nicht die Drohnen oder die Personen, die zu Drohnen gemacht wurden, der Feind, sondern das Kollektiv an sich. Würde die Sternenflotte das gesamte Borg-Kollektiv mit allen Drohnen zerstören und damit die Drohnen töten, würden die Opfer des Kollektivs, also die Opfer einer Diktatur/Sekte, zu Milliarden ermordet.

    DRITTENS: Die Auslösung der Borg ist strategisch gesehen Unfug. Die Föderation bewohnt nur einen kleinen Teil des Alpha-Quadranten. Das Borg-Kollektiv hingegen agiert vermutlich in der gesamten Milchstraße. Das erste Zusammentreffen der Enterprise mit den Borg fand in einem 7.000 Lichtjahre entfernten Gebiet statt. Die Borg zerstörten in der 1. Staffel Außenposten der Föderation und der Romulaner. An der Schlacht von Wolf 359 waren auch die Klingonen beteiligt. Das Borg-Kollektiv ist also ein galaxisweites Problem. Die Föderation/Sternenflotte besitzt zu diesem Zeitpunkt noch sehr wenige Informationen über die Borg. Man kennt weder ihren Ursprung noch den Standort oder die Ausdehnung ihres Territoriums. Die Borg sind auch nicht die erste aggressive und gefährliche außerirdische Spezies, die wir in Star Trek antreffen. Man darf darüber diskutieren, ob sie überhaupt eine Spezies sind, aber ich nenne sie einfach mal so. Wer sagt denn, dass die Borg nicht auch Kriege gegen andere, ähnlich gefährliche, starke, brutale und skrupellose Gegner führen? Vielleicht halten die Borg zehn andere Spezies in Schach, die genauso schlimm oder noch schlimmer sind als sie selbst! Falls die Borg als Kollektiv vernichtet würden, entstünde ein riesiges Machtvakuum, das von ihren Feinden genutzt werden könnte. Ist das wirklich besser als die Borg zum Feind zu haben? Woher weiß die Sternenflotte, dass sie sich durch die Vernichtung des Borg-Kollektivs nicht etliche neue Feinde schafft?

    Wegen Picards Trauma durch die Assimilierung kann ich seine Entscheidung trotzdem nachvollziehen, aber wieso trifft die Sternenflotte, welche hier durch Admiral Nechayev vertreten wird, diese Entscheidung? Meiner Ansicht nach zeugt es nicht von Weitblick, einen Gegner wie die Borg hoppla-hopp vernichten zu wollen. Dieses Vorgehen erinnert mich in frappierender Weise an die Militäreinsätze von NATO-Staaten in Ländern wie Afghanistan oder dem Irak, wo die herrschenden Terrorregime gestürzt wurden, was aber nicht zur langfristigen Befriedung des Landes führte. Selbstverständlich muss etwas gegen die Bedrohung durch das Borg-Kollektiv unternommen werden, aber das darf nicht in der Zerstörung der ganzen Spezies enden. Das erste Ziel sollte darin bestehen, die Borg so gut wie möglich zu erforschen! In dieser Richtung wird uns über die Serien hinweg viel zu wenig erzählt. Wieso gibt es am Daystrom-Institut nicht längst eine eigene, interdisziplinäre Forschungsabteilung, die sich ausschließlich mit den Borg befasst? Warum beantwortet die Föderation/Sternenflotte jede Gewalt nur mit Gegengewalt? Schlimm finde ich außerdem die Tatsache, dass Nechayev keinen Versuch unternimmt, ihre Haltung zu erklären. Sie und Picard sprechen über die VERNICHTUNG EINER GANZEN SPEZIES!!! Wenn man DARÜBER nicht ausführlich diskutiert, WORÜBER soll man dann diskutieren?!

    Picard muss sich in dieser Szene an seiner eigenen Aussage messen lassen! In „Redemption Part 2“ sagte er nämlich wörtlich zu Data:
    „…the claim ‚I was only following orders‘ has been used to justify too many tragedies in our history. Starfleet doesn’t want officers who will blindly follow orders without analysing the situation.“

    Wieso fragt Picard Admiral Nechayev nicht einfach mal, ob die Sternenflotte die Situation analysiert hat? Als Captain muss Picard eine Möglichkeit haben, gegen solche Befehle einen offiziellen Protest einzulegen, ohne den Gehorsam zu verweigern! Insgesamt ist mir dieser Dialog viel zu einseitig.

    Bei den „erotischen Bildern“, die Data betrachtet hat, stelle ich mir einige Fragen. Data ist ein Androide, der gerade erst seine Emotionen entdeckt und erforscht. Er hatte zwar schon in der 1. Staffel Sex mit Tasha Yar, aber das taten sie nur, weil SIE rollig war und nicht weil beide geil aufeinander waren. Letztendlich benutzte Tasha ihn als Vibrator. In der 4. Staffel wollte Data Ehemann spielen und ging eine Beziehung mit Jenna D’Sora ein. Das war für ihn eher ein wissenschaftliches Experiment und keine emotionale Beziehung. Jenna sagte damals zu ihm:
    „I got out of a relationship with an unemotional man, and I got right back into another one with… with a man who’s absolutely incapable of emotion.“

    Data war also nicht emotional an Jenna gebunden. Was bezeichnet er jetzt als „erotisch“, wenn er versucht, bei sich selbst Emotionen auszulösen? Hat er sich „Androiden-Pornographie“ angeschaut? Waren das technische Daten wie Konstruktionszeichnungen, Schaltpläne, Tabellen und mathematische Gleichungen über andere Androiden, Roboter und Computer? Dachte er sich dabei „Oh, diese positronische Matrix ist wirklich ‚erotisch‘!“ oder „So eine sexy Subroutine habe ich noch nie gesehen!“? Sollen wir glauben, dass Data Nacktfotos humanoider Frauen erotisch findet? Als Androide, der er nun mal ist, könnte er durchaus andere Präferenzen haben! Vielleicht ist Suraks Logik für ihn viel anziehender und „sexier“ als Trois tiefer Ausschnitt! 😅

    Seit „The Best of Both Worlds“ werden die Borg immer weiter personalisiert. Zuerst assimilierten sie Picard und machten ihn zu Locutus of Borg. In „I Borg“ lernten wir eine Drohne kennen, die zuerst als Waffe benutzt werden sollte und sich selbst „Hugh“ nannte. Jetzt sehen wir in „Descent“ abtrünnige Borg unter Lores Führung und Hugh, der seine Individualität für friedliche Zwecke nutzen möchte. Das Insektenschwarm-artige Kollektiv hat für mich zu diesem Zeitpunkt schon einen Teil seines Reizes verloren, weil man es bei einem Kampf gegen dieses Kollektiv trotzdem immer Individuen zu tun hat: Locutus wird de-assimiliert, Hugh wird zurückgeschickt, um seinen „Mit-Drohnen“ Individualität beizubringen und Lore muss plattgemacht werden, damit seine Borg-Truppe besiegt wird oder aufgibt oder was auch immer. Dieser Trend setzt sich in den weiteren Serien und Filmen leider fort.

    Mein zweiter großer Kritikpunkt an „Descent“ ist Lore. Er ist Datas eindimensionaler, schnurbartzwirbelnder, böser Zwillingsbruder. Lore war schon in seiner ersten Episode „Datalore“ ein fieser Möpp. Lore ermordete in seiner zweiten Episode „Brothers“ den gemeinsamen Vater Dr. Noonien Soong. Bei seinem dritten und letzten Auftritt in „Descent“ versucht Lore bis zum Schluss, Data zu manipulieren und zu hintergehen. Sekunden vor seiner Abschaltung behauptet er zwar, Data zu lieben, aber das finde ich vollkommen unglaubwürdig. Das Raumschiff, dass er und seine Truppe nutzen, finde ich nur im ersten Teil bedrohlich, weil es kein Borg-Würfel ist, sondern eine ganz andere, asymmetrische Form hat und gar nicht zu den Borg passt. Es wird aber nicht als besonders starkes Kampfschiff dargestellt, das die Enterprise halb zu Schrott schießt. Am Ende können Beverly & Co. es mit einem Trick zerstören und das war’s dann.

    Insgesamt finde ich diesen Cliffhanger unterhaltsam, aber begeistern kann er mich nicht. Vielleicht bin ich schon im DS9-Modus, wo Mehrteiler eine viel größere Bedeutung haben als bei TNG.
    Ich hätte gern erfahren, wie es nach „Descent“ mit Hugh weitergeht. In PICARD hat er nur noch wenige seiner Implantate und wurde Leiter des Rückgewinnungsprojektes. Wer hat in de-assimiliert? Wie kam es zu seiner Zusammenarbeit mit den Romulanern? Wo lebte er in all den Jahren? Ich bezweifle, dass diese Fragen in PICARD beantwortet werden, weil das weitere Rückblicke erfordern würde und dazu hat das Autorenteam wahrscheinlich keinen Bock.

    Hugh wurde in PICARD sowieso zu wenig eingesetzt, sinnlos umgebracht und letztlich vergeudet! Als Jean-Luc erfährt, dass sein Freund Hugh tot ist, hat er nichts Besseres zu sagen als „Poor Hugh!“, obwohl er ihm in „Descent“ beim Kampf gegen Lore und in „The Impossible Box“ bei der Flucht vom Artefakt den französischen Arsch gerettet hat… Meine Güte, wenn ihr mit einem Charakter nichts anzufangen wisst, dann lasst ihn doch einfach weg!

    NEBENASPEKTE:
    Chris, beziehst du dich bei der „Forschung“ zum Umprogrammieren von Menschen auf MK Ultra? Das lief nämlich bis in die 70er Jahre und wurde auch in Literatur und Film verarbeitet, z. B. mit „Einer flog über das Kuckucksnest“.

    Man sollte die Worte Ethik und Moral nicht verwechseln! Bei euch hört es sich an, als ob ihr beide Begriffe synonym verwendet. Ihre Bedeutung ist zwar ähnlich, aber dennoch verschieden.
    Als „Moral“ bezeichnet man ein Normensystem, das menschliches Verhalten reguliert und dabei den Anspruch auf unbedingte Gültigkeit erhebt. Beispiele für „Moralen“ (das ist der Plural) sind die Handlungsanweisungen, welche in religiösen Texten, z. B. in der Bergpredigt oder in hinduistischen Schriften, zu finden sind. Wenn ich sage, eine Person oder eine Gruppe besitze eine Moral, dann bedeutet das nur die Existenz eines solchen Normensystems. Damit mache ich aber keine Aussage darüber, ob ich es gutheiße. Wenn ich allerdings sage, eine Einstellung oder Handlung sei moralisch, stimme ich ihr zu. Etwas „Unmoralisches“ ist demgegenüber meiner persönlichen Ansicht nach falsch bzw. „böse“. Bei Verwendung der Adjektive „moralisch“ und „unmoralisch“ lege ich also immer mein eigenes Wertesystem zugrunde.

    Die „Ethik“ befasst sich mit verschiedenen Moralen, denn sie ist die „Wissenschaft von der Moral“. Ethik bezeichnet man darum auch als „Moralphilosophie“: Sie vergleicht Moralen, sie analysiert, in welchen Bereichen diese Geltung beanspruchen und wo ihre Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede liegen. Die Ethik gibt somit keine verbindliche Antwort auf Fragen wie „Was ist in einer bestimmten Situation gut oder böse, was ist richtig oder falsch?“, sondern untersucht die Positionen verschiedener Moralen zu dieser Frage. Das Adjektiv „ethisch“ bedeutet nur „der Ethik zugehörig“, so wie „biologisch“ die Bedeutung „zur Biologie zugehörig“ und „chemisch“ die Bedeutung „zur Chemie zugehörig“ hat. Das Wort „unethisch“ hieße „nicht zur Ethik zugehörig“. Es gibt aber in diesem Sinne kein „unethisches“ Verhalten oder „unethische“ Einstellungen. Hierzu empfehle ich einen spannenden Text des deutschen Philosophen Dietmar Hübner:
    https://www.philos.uni-hannover.de/fileadmin/philos/Publikationen/Huebner/EthikundMoral-TypenethischerTheorien-AspektevonHandlungen-StufenderVerbindlichkeit.pdf

    An einer Stelle sagt ihr, die Ethik einer Person könne sich ändern. Nur die MORAL einer Person ist individuell und kann sich ändern, z. B. wenn sie in ein ihr fremdes Land immigriert oder eine Religion annimmt! Die Ethik ist eine Wissenschaft und damit genau wie andere Wissenschaftszweige nicht von einer Person, einer Gruppe oder einem Kulturkreis abhängig. Wir sagen ja auch nicht „‘Meine‘ Physik hat sich geändert.“.

    Moooment, ein sogenannter „Ehrenmord“ ist für euch also ein Verbrechen, aber für einen Mord aus Rache bringt ihr Verständnis auf?! Ich finde Mord – egal aus welchen Motiven! – NICHT nachvollziehbar oder verständlich, geschweige denn für gerechtfertigt. Was ihr beschreibt, ist der Wunsch nach Rache und der führt schlimmstenfalls zu Terrorismus und Krieg bis zum Genozid. Das ist genau das, was Nechayev als Vertreterin der Sternenflotte hier verkörpert und IHR ablehnt! Ein chinesisches Sprichwort lautet „Wer auf Rache aus ist, der grabe zwei Gräber.“ In den letzten 20 Jahren mussten wir durch den sogenannten „Krieg gegen den Terror“ und seine Folgen auf schmerzhafte Weise erfahren, wie wahr dieser Spruch ist.
    Ihr sagt „Und dann gibt es Menschen, die kommen und tun deinem Kind Böses an.“ Das ist aber seeehr schwammig formuliert! Macht hier doch mal bitte Butter bei die Fische! Was ist denn das „Böse“, was einem Kind angetan werden kann und wer sind die Menschen, die es ihm antun? Ich habe mir drei verschiedene Szenarien ausgedacht:
    1) Ein Kind wird von einer Gruppe anderer Kinder aus purer Langeweile beleidigt, verprügelt und dabei gefilmt. Das Video teilen die Angreifer*innen anschließend in den „sozialen Medien“, wo sie und andere sich über das Opfer lustig machen. Danach macht das Video in der Nachbarschaft und in der Schule die Runde.

    2) Ein Kind wird in der Schule von Mitschüler*innen aus welchen Gründen auch immer gemobbt. Das Kind leidet und ist verängstigt. Es traut sich aber nicht, mit jemandem darüber zu sprechen, weil es von seinen Eltern gelernt hat, dass man keine „Schwäche“ zeigen und kein „Feigling“ sein darf.

    3) Das Kind hat eine dunkle Hautfarbe und lebt mit seiner Familie in einer Gesellschaft, die überwiegend aus hellhäutigen Menschen besteht. Eines Tages ist das Kind allein unterwegs und wird von zwei hellhäutigen Polizisten angehalten, die knallharte Rassisten sind. Sie drücken ihm ihre rassistischen Sprüche und erniedrigen es.

    All diese Taten sind falsch und böse, kommen in der Realität aber leider immer wieder vor. Ich kann mir auf der Basis von tatsächlichen Ereignissen beliebig viele weitere Szenarien ausdenken, in denen das Kind z. B. aufgrund von antisemitischen oder islamophoben Vorurteilen Gewalt erfährt oder diskriminiert wird, weil es eine von der Mehrheit abweichende Geschlechtsidentität hat. Könntet ihr es in all diesen Szenarien nachvollziehen, wenn ein Elternteil des betroffenen Kindes anschließend loszieht und aus Rache für das erlittene Leid einen Mord begeht? Welche Morde an welchen Personen findet ihr in diesem Zusammenhang verständlich? Ich finde, die Probleme auf der Welt sind wesentlich komplexer, als ihr sie hier darstellt. Darum greift euer irrationaler Wunsch nach Rache meiner Meinung nach ins Leere.

    Ihr meint wahrscheinlich Verbrechen, bei denen das Kind misshandelt, sexuell missbraucht oder sogar ermordet wird. Sexueller Kindesmissbrauch findet laut der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs am häufigsten in der Familie statt:
    https://www.aufarbeitungskommission.de/themen-erkenntnisse/familie/
    …und wird meistens vom Vater verübt:
    https://de.statista.com/infografik/17627/sexueller-kindesmissbrauch-in-der-familie/
    Auch andere Formen der Misshandlung und des Missbrauchs von Kindern, z. B. durch seelische Gewalt oder Vernachlässigung, ereignen sich vor allem in Familien:
    https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/gewalt/kindesmisshandlung/

    Ja, es gibt natürlich Fälle, in denen Personen außerhalb der Familien, beispielsweise Lehrer*innen, zu Tätern werden. Ein Beweis dafür sind die Missbrauchsskandale in der katholischen und evangelischen Kirche. Trotzdem werden sehr viele Kinder (in Deutschland und wahrscheinlich auch in anderen Ländern) von den eigenen Verwandten misshandelt oder missbraucht. Wenn ihr sagt „Und dann gibt es Menschen, die kommen und tun deinem Kind Böses an.“, dann impliziert das, dass die Menschen, die den Kindern Gewalt antun, Fremde sind und von Außerhalb kommen. Das ist aber in den meisten Fällen nicht so!

    Auch hier stelle ich euch die Frage: Welchen Mord an welcher Person haltet ihr in einem solchen Fall für „verständlich“?

    Ihr bezieht euch wahrscheinlich auf Fälle wie die von Marianne Bachmeier (1981) und Witali Konstantinowitsch Kalojew (2004). Hier muss man ganz klar sagen, dass diese Menschen Selbstjustiz verübten und die damit verbundene Gefahr und das Leid Unschuldiger billigend in Kauf nahmen. Ich wiederhole mich, aber aus meiner Sicht ist das nicht nachvollziehbar. Sobald eine Person eine Waffe gleich welcher Art in die Hand nimmt, geht sie bewusst das Risiko ein, damit unbeabsichtigt sich selbst oder Unschuldige zu verletzen oder zu töten. Stellt euch mal vor, Frau Bachmeier zieht im Gerichtssaal ihre Pistole und zielt auf den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter. Eine Person, die neben ihr steht, bemerkt das und möchte sie aufhalten. Sie fällt Bachmann in den Arm und reißt ihre Pistole nach oben. Dabei löst sich ein Schuss, das Projektil prallt von der Decke ab, wird zurückgeworfen und trifft als Querschläger eine unbeteiligte Frau im Gerichtssaal. Diese Frau wird sofort ins Krankenhaus eingeliefert, verstirbt dort aber wenig später an ihrer Verletzung. Jetzt ist also ein unschuldiger Mensch tot, weil jemand Selbstjustiz verüben wollte. Das hätte tatsächlich so passieren können! Findet ihr DAS verständlich? Die getötete Frau hatte selbst Kinder. Jetzt ist es natürlich „verständlich“, dass sie für den Tod ihrer Mutter Rache nehmen wollen. Und dabei sterben weitere Unschuldige… wofür nochmal? Weil’s „verständlich“ ist? Für Herrn Kalojews Fall gilt dasselbe: Die Kinder des Fluglotsen Peter Nielsen mussten miterleben, wie ihr Vater von einem unbekannten Mann erstochen wurde! Deswegen ist es verständlich, dass sie sich rächen wollen, oder? Dafür müssen sie natürlich gegen Kalojew und seine Familie vorgehen, Menschen ermorden usw.

    Muss man unbedingt für nichts und wieder nichts eine Gewaltspirale in Gang setzen?

    Wir leben in Deutschland glücklicherweise in einem Rechtsstaat, in dem die Gewaltenteilung gilt. Ein Justizsystem mit Staatsanwaltschaft, Gerichten und Polizei wacht über die Einhaltung der Gesetze. Eines der Grundprinzipien eines rechtsstaatlichen Strafverfahrens ist die Unschuldsvermutung. Sie lautet: „Jede Person, die einer Straftat angeklagt ist, gilt bis zum gesetzlichen Beweis ihrer Schuld als unschuldig.“ Jedes System hat seine Fehler, so auch unseres. Trotzdem würde ich dieses System anderen, die auf der Welt existieren, JEDERZEIT vorziehen! Verhältnisse wie in Bremen im Juli 2018 möchte ich nämlich nicht täglich in ganz Deutschland erleben müssen:
    https://www.sueddeutsche.de/panorama/justiz-paedophilie-rtl-selbstjustiz-bremen-1.5010401

    Wollt ihr, dass bei uns wie in albanischen Bergdörfern das Gesetz der Blutrache regiert? Ich jedenfalls nicht!

    Auch in Deutschland werden immer wieder unschuldige Menschen von Gerichten verurteilt:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Justizirrt%C3%BCmern_in_der_deutschen_Rechtsprechung

    Nur zur Info: Bei den Ermittlungen zur NSU-Mordserie gerieten Angehörige der Mordopfer aufgrund angeblicher Verbindungen zum organisierten Verbrechen ins Visier der Ermittlungen.

    Angenommen, eine wegen Mordes verurteilte Person wird Opfer von Selbstjustiz und stirbt dabei.
    Jahre später stellt sich durch neue Beweise heraus, dass sie unschuldig war. Wie bewertet ihr so einen Fall von Selbstjustiz, bei dem ein nachweislich unschuldiger Mensch umgebracht wurde? Könnt ihr das „verstehen“?

    Entschuldigt bitte meinen Roman, aber ich habt mich ein wenig getriggert.

    LL&P 🖖 👋
    2Voq

    1. Lieber 2Voq,

      erstmal vielen Dank für die definitorischen Ansätze zu Ethik und Moral. Wir sind da leider nicht immer sehr akkurat.

      Nun zu dem einen Kernthema:
      Ich darf annehmen, dass du keine Kinder hast?! Ich wusste nicht genau, was ich davon halten sollte, unsere möglicherweise unprägnanten Aussagen erst haarklein auseinanderzunehmen, um am Ende es dann doch richtig zu verstehen, so wie wahrscheinlich jeder andere Zuhörer auch.
      Ich fürchte, hier mischst du auch bisschen was zusammen, was wir so nicht gesagt haben. Ich komme aber gern gleich selbst mit einem Beispiel.
      In jüngster Zeit liest man von einem Mann in den USA, der für zigfachen sexuellen Missbrauch an Kindern in seiner Funktion als Trainingsarzt (oder so ähnlich) zu 175 Jahren Haft verurteilt wurde! Ich bin mehr als nur davon überzeugt, dass viele, wenn nicht alle Opfer und selbstverständlich auch deren Eltern, Mordphantasien bzgl. dieses Mannes haben/hatten. Es geht vielen Menschen so, dass gerade bei diesem Thema die Emotionen hochkochen und man Menschen, die Kindern derartige sexuelle Gewalt antun, am liebsten tot sehen möchte. Würde jemand meinem Kind derartiges antun, würde ich wohl kaum anders fühlen. Sowas ist menschlich, möchte ich behaupten. Mir egal, ob das rechtsstaatlich schwierig oder unmoralisch ist, es ist eben menschlich. Verständnis dafür zu haben, dass jemand in solch einer Situation den Gedanken hat, diesen Menschen tot/leidend zu sehen, bedeutet nicht, einen solchen Mord zu befürworten. Dass ich (Chris) dafür Verständnis habe, wenn jemand so fühlt, werde ich weder beschönigen noch entschuldigen.
      Einen Mord egal aus welchen Gründen, halten auch wir beide für falsch. Dem Kind hilft es auch nicht. Mord ist nie sinnvoll oder gut, selbst nicht bei einer Zeitreise, wenn jemand Hitler 1933 umbringen will. Auch den staatlichen Mord in Form von Todesstrafen halte ich für absolut falsch!
      Hier geht es aber nicht darum was ich tun würde, was ich befürworten würde oder für richtig halte, es geht hier darum, was ich rein emotional verstehen kann. Ich denke mal, dass war auch im Podcast verständlich genug.
      Nochmal ein Beispiel: Wenn ein Vater den Peiniger seines kleinen Kindes um die Ecke bringt, eben wegen dieser schändlichen Tat, dann kann ich verstehen und auch in gewisser Weise nachempfinden, wieso er das getan hat, würde die Tötung allerdings niemals für richtig halten! Im Gegenteil, wenn der Vater in diesem Beispiel im Vorfeld zu mir kommt und mich fragt, würdest du mir zu diesem Mord raten, würde ich abraten!
      Das ist vielleicht nicht schön, vielleicht nicht sehr moralisch und auch diskutabel, aber jeder, der schon in ähnlichen Extremsituationen war, in denen Unschuldigen großes Unrecht widerfahren ist, kann verstehen, wenn einem der Gedanke an Selbstjustiz kommt. Ein altes Beispiel? Der Film „Die Jury“, an dessen Ende Samuel L. Jacksons Rolle für den Mord an den Peinigern seiner Tochter freigesprochen wird, hat nichts mit Recht und Ordnung zu tun. Selbstverständlich darf niemand bei einem Mord freigesprochen werden, v. a. nicht in solch einem Fall wie der im Film, aber ich kann verstehen auf einer rein emotionalen Ebene, wieso die Figur am Anfang geschossen hat. Das kann wahrscheinlich jeder nachvollziehen.

      Liebe Grüße
      Chris

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