Folge 130 – TNG – Das Standgericht

In unserer heutigen Ausgabe sprechen wir nicht nur über Clipshows, Montagsprodukte und einen namhaften Hersteller für Ginger Ale oder Tonic Water, es geht vielmehr um eines der Top-Highlights von TNG. Wir sprechen heute über einen Grund, warum Star Trek als Ganzes großartig ist, über eine Folge, die das Potenzial hat, Fans zu generieren – kurz gesagt – wir haben es mit einem Monument einer Episode zu tun!

Genießt es wie wir uns um Kopf und Kragen reden in dieser epischen Besprechung! Viel Spaß!!

2 Gedanken zu „Folge 130 – TNG – Das Standgericht“

  1. Hallo Anja, Hallo Chris!

    “The Drumhead / Das Standgericht” ist eine Folge, in der der Science Fiction-Aspekt von TNG in den Hintergrund tritt und das ist einer der Gründe, weshalb ich sie mag. Sebastian Göttling von TAD meint, dass Star Trek in diesen Geschichten am besten funktioniert. Dieser Ansicht bin ich nicht, weil es eben auch viel schöne Science Fiction gibt, das für einige meiner Lieblingsfolgen essentiell ist. Dennoch kann ich seine Haltung nachvollziehen.

    Es ist genau wie “The Measure of a Man / Wem gehört Data?” ein Kammerspiel im Stil eines Courtroom Dramas. Beim ersten Anschauen war ich wie Worf zunächst voll auf der Seite von Admiral Satie und wollte die Enterprise und ihre Crew auf jeden Fall vor allen Bedrohungen schützen. Ebendiese Reaktion der Zuschauer hatten die Autoren unzweifelhaft auch beabsichtigt. Beim erneuten Ansehen konzentrierte ich mich auf Picard und seine Reaktionen auf Saties Aussagen und Handlungen. Ich finde es toll, dass es nicht einen einzelnen Moment gibt, an dem seine Meinung umschwenkt. Es ist eine graduelle, fließende Entwicklung und das macht es so glaubwürdig und spannend. Ich kann mich richtig gut in Picard hineinversetzen und seine Gefühle nachempfinden, v.a. hinsichtlich Simon Tarses.

    Sabin gibt vor, die Wahrheit zu suchen. Im Verhör von Simon Tarses lügt er aber eiskalt und behauptet einfach mal:
    “What would you say if I told you there is evidence that the explosion in the engine room was caused by a corrosive chemical. One that is kept stored in Sickbay.”
    So eine korrosive Chemikalie gab es nie, Sabin hat sie gerade erfunden, um Tarses noch weiter unter Druck zu setzen! In dieser Szene bricht die Fassade von Satie und Sabin finde ich endgültig zusammen. Lügen ist einfach keine Methode zur Ermittlung der Wahrheit! Es ist einfach nur fies und niederträchtig.

    Satie ist wirklich eine formidable Antagonistin, die ihresgleichen sucht! Sie glaubt, zu den “Guten” zu gehören, im Recht zu sein und das Richtige zu tun. Picards Zitat
    “Mister Worf, villains who wear twirl their moustaches are easy to spot. Those who clothe themselves in good deeds are well camouflaged.”
    finde ich großartig! Mir fällt in Star Trek nur ein anderer Antagonist ein, der ähnlich gut geschrieben ist, aber dieser wird über mehrere Staffeln aufgebaut und entfaltet erst langsam seine Wirkung. Hier gelang es innerhalb einer Folge, Satie zunächst als loyale Vertreterin der Föderation und ihrer Werte einzuführen und sie schrittweise immer weiter auf die “dunkle Seite der Macht” abgleiten zu lassen. Exquisit! Ich denke, dass sie ihren Vater vergöttert und um jeden Preis eine “würdige” Tochter für ihn sein möchte. Darum verrennt sie sich in der Aufdeckung einer angeblichen Verschwörung und verwandelt sich selbst in das, was sie eigentlich bekämpfen will.

    Weil ich neben Star Trek auch “Babylon 5” kenne und schätze, möchte ich auf eine Parallele zwischen TNG und B5 hinweisen. In B5 übernimmt ein Terrorregime die Macht auf der Erde und versucht mit allen Mitteln, sie auszuweiten und zu zementieren. Dafür wird die “Nightwatch” gegründet, eine Art Geheimpolizei im Stil der Gestapo / Stasi. Sie rekrutiert ihre Mitglieder aus Menschen, die “Recht und Ordnung” aufrecht erhalten möchten und belohnt sie für ihren Einsatz durch einen “finanziellen Anreiz”. Durch die Nightwatch werden politisch Andersdenkende aufgrund von Nichtigkeiten oder fingierten Beweisen als “Verschwörer” und “Verräter” denuziert, eingeschüchtert, mundtot gemacht, eingesperrt oder sie “verschwinden” einfach von der Bildfläche. Die Aktionen von Satie, Sabin, Nellen und unserem lieben Worf gehen auch in diese Richtung!

    Worf ist in dieser Folge allgemein ein sehr zwiespältiger Charakter. Er sagt über Tarses
    “Sir, if a man were not afraid of the truth, he would answer.”,
    obwohl er selbst vor Kurzem gelogen hat, nämlich in der Halle des Hohen Rates auf Qo’noS! Er akzeptierte die Entehrung seiner Familie und stellte damit seinen Vater Mogh als Verräter hin, obwohl er unschuldig war. Worf log, um das Klingonische Reich zu schützen, aber er hat gelogen und hält diese Lüge bis heute aufrecht! Wie ihr richtig sagt, gibt es für einen Menschen viele mögliche Gründe zu lügen. Worf sollte in sich gehen und seine eigene Geschichte und Handlungen hinterfragen. War ER denn in jeder Situation ehrlich und aufrichtig? Hatte ER niemals Angst vor der Wahrheit und stellte sich ihr, anstatt sie zu verbergen und zu vertuschen, aus welchen Gründen auch immer? Jemand sollte ihm das mal richtig an den Kopf knallen! Ich frage mich, wie er darauf reagieren würde.

    Weil ich B5 schon erwähnt habe, mache ich einfach weiter. Ich habe die Serie schon vor einigen Jahren komplett gesehen, aber der YouTuber Lorerunner brachte mich mit seinem Review von “The Drumhead” auf ein Zitat aus dieser Serie, das hier wirklich passt wie Arsch auf Eimer. In der ersten Staffel von B5 gibt es einen Dialog zwischen dem Kommandanten Jeffrey Sinclair und seinem Sicherheitschef (das Pendant zu Worf) Michael Garibaldi. Sinclair erklärt darin, warum Menschen lügen:
    “Everyone lies, Michael. The innocent lie because they don’t want to be blamed for something they didn’t do and the guilty lie because they don’t have any other choice.”

    Ich war bei meiner ersten Sichtung dieser Episode fasziniert und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich kann sie mir immer wieder ansehen und finde sie jedes Mal aufs Neue richtig geil. Das ist ein sehr guter Indikator für die Qualität. Wenn ich mich nicht irre, seid ihr nach dem “Chateau Picard” mit Pia und Flo erst der zweite deutsche Star Trek-Podcast, der diese Folge bespricht!

    Ich bin heilfroh, dass KEINE Clipshow gedreht wurde. Da ging ein Kelch an uns vorüber! “Nehmt den Produzenten das Geld weg!” ist übrigens eine vollkommen vernüftige und ernst gemeinte Forderung, die ich in Podcasts zu Star Trek schon mehrfach gehört habe. Die Begründung ist dieselbe, die ihr anführt: Wenn man kein Geld für teures CGI, Kulissen, Kostüme, Masken usw. hat, MUSS der Film/die Serienepisode durch ihre “inneren Werte”, also Story, Charaktere, Regie, Drehbuch, Schauspiel und Kameraarbeit überzeugen. Das ist viel schwieriger als ein Effektfeuerwerk abzubrennen, weil dem Zuschauer jeder kleine Fehler auffällt. Flache Dialoge, eindimensionale Figuren und zweitklassige Darsteller kann man in einem Actionfilm unterbringen, aber wenn das Ganze davon getragen werden soll, kackt es einfach ab. Dafür gibt es in der Film- und Seriengeschichte mehr als genug unrühmliche Beispiele.

    Für “The Drumhead / Das Standgericht” kann es nur eine Bewertung geben, nämlich den von Simon und Sebastian ins Leben gerufenen DeForest Kelley Award of Excellence! Chapeau, Star Trek!

    Zitat von Christopher Schlüter aus dem Deutschen Star Trek Index (DSi) über “The Drumhead / Das Standgericht”:
    “Allgemein hat diese Episode einen der besten Hintergründe und stellt diesen in einer einzigartigen Weise dar. Sowohl im Charakterbereich als auch in der Inszenierung ist diese Folge mehr als überzeugend. Dieses sind die Richtlinie und das Ideal, nach welchen Star Trek in der Zukunft streben sollte.”
    Dem stimme ich uneingeschränkt zu.

    Simon Tarses gab bei seiner Bewerbung für die Sternenflotte an, sein Großvater mütterlicherseits wäre Vulkanier gewesen, obwohl er in Wirklichkeit Romulaner war. Aufgrund dieser Lüge und ihrer Aufdeckung steht er nun vor den Trümmern seiner Karriere. Ich frage mich, wieso die Sternenflotte überhaupt wissen möchte, woher die Großeltern der Bewerber stammen! Warum ist das denn so wichtig? Welche Spezies sind davon betroffen? Romulaner gehören definitiv dazu. Gegen die Klingonen und die Cardassianer führte die Föderation/Sternenflotte auch Krieg. Darf ein Sternenflottenanwärter darum auch keine klingonischen oder cardassianischen Vorfahren haben? Wie weit muss man da im eigenen Stammbaum zurückgehen? Bezieht sich diese Beschränkung nur auf direkte Vorfahren oder auch auf Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, also die Verwandten dritten und vierten Grades? Müssen die Bewerber der Sternenflotte etwa nachweisen, dass in ihrer Familie seit sieben Generationen kein “Blut des Feindes” fließt? Ich sage es ganz offen: Das erinnert mich an das Nazi-Regime und die Aufnahmebedingungen zur “Schutzstaffel” SS. Welchen logischen, rationalen Grund gibt es für solche Bedingungen bzw. Beschränkungen? Kann ich kein gutes Mitglied der Sternenflotte sein, wenn mein Ur-Urgroßonkel väterlicherseits zufälligerweise Cardassianer war? Gelte ich darum als minderwertig? Bin ich in den Augen der Admiräle deshalb automatisch ein Verräter und Spion? Welchen anderen Grund kann es dafür geben als knallharten, unverhohlenen Rassismus seitens des Oberkommandos? Die Sternenflotte ist bekanntlich eine Unterorganisation der Föderation. Muss ich daraus schließen, dass die gesamte Föderation auf diesem rassistischen Gedankengut aufgebaut wurde?

    In “The Drumhead / Das Standgericht” habe ich den Eindruck, jeder an Bord der Enterprise ist sich darüber bewusst, dass bei der Bewerbung zur Sternenflotte auch die Identitäten und Spezies aller Familienangehörigen angegeben werden müssen und diese Praxis als selbstverständlich hinnehmen, sie stillschweigend akzeptieren oder sogar gutheißen. Jedenfalls wird in keiner Szene darüber gesprochen, dass diese Verfahrensweise falsch und verwerflich wäre und deswegen abgeschafft gehört. Ich finde sie aber in höchstem Maße falsch und verwerflich! Das widerspricht eklatant den Idealen, welche die Föderation/Sternenflotte wie eine Monstranz ständig vor sich her trägt! Dazu kommt noch das Vorgehen von Satie und ihren Mitarbeitern, das anfangs zumindest gebilligt wird. Irgendwie ist die Föderation doch kein so toller Ort, wie ich bisher immer dachte…

    Mir kommt diese Frage nach den Angehörigen vor wie eine unzulässige Frage in einem Bewerbungsgespräch. Frauen dürfen bei einem Bewerbungsgespräch z.B. nicht gefragt werden, ob sie schwanger sind. Ich finde es sogar legitim, so eine Frage mit einer Lüge zu beantworten, darum liegt meine Sympathie voll auf der Seite von Simon Tarses. Falls ein hohes Tier der Sternenflotte das anders sieht, soll er/sie mir bitte im Detail, schwarz auf weiß, mit wissenschaftlichen Gutachten und Stellungnahmen und durch eine lückenlose Beweisführung erläutern, welchen Sinn und Zweck diese Aufnahmebedingung hat!

    Eine Diskussion über diesen offensichtlichen Rassismus in der Föderation kommt mir zu kurz, weil es letztendlich um Satie geht. Am Ende enttarnt sie sich selbst und damit ist die Schuldige gefunden. Picard sagt zu Worf
    “But she, or someone like her, will always be with us, waiting for the right climate in which to flourish, spreading fear in the name of righteousness. Vigilance, Mister Worf, that is the price we have to continually pay.”,
    er sagt aber nicht: “Worf, unsere Gesellschaft hat ein Problem und muss verändert werden, damit das endlich aufhört!”. Meiner Interpretation dieses Auspruchs nach geht es Picard darum, dass “jemand wie Satie” (also nicht die Personen an Bord der Enterprise, schon gar nicht wir Führungsoffiziere, sondern irgendwelche Leute von Außerhalb) gefährlich sein können. Wenn es ein Dilemma wäre, das jeder Charakter und Zuschauer mit sich selbst ausmachen muss, wäre das ok. Rassismus wird aber in Star Trek oft in unterschiedlicher Form behandelt. Wenn Wesley bei seiner Bewerbung eidesstattlich versichern musste, dass es unter seinen Vorfahren keine Klingonen, Cardassianer, Romulaner und zig andere Spezies gibt, dann ist das eben so. Wenn tausende von jungen Anwärterinnen und Anwärtern auf tausenden Planeten, Raumstationen und Raumschiffen gerade dasselbe tun müssen, dann ist das eben so. Hier fehlt mir ganz eindeutig ein Schlusssatz von Picard, der ungefähr lautet: “Mr. Worf, wir müssen unsere Ansichten und Überzeugungen überdenken/neu bewerten. Wir DÜRFEN nicht so weitermachen wie bisher!”. Er spricht von Wachsamkeit und meint damit die Wachsamkeit, die nötig ist, damit nicht wieder unter dem Deckmantel der Rechtschaffenheit Verbrechen begangen werden. Um wachsam zu sein, muss man sich aber selbst immer wieder auf den Prüfstand stellen! Wenn ich an mir selbst, an anderen oder an Organisationen wie der Föderation/Sternenflotte Dinge erkenne, die in eine falsche Richtung laufen, dann bin ich verpflichtet, dagegen anzukämpfen und alles in meiner Macht stehende zu tun, um das zu ändern. Dinge, die falsch laufen, können ganz verschiedener Natur sein, z.B. das Bewerbungsverfahren zur Sternenflotte. Ich stelle mir vor, wie Picard nach dieser Folge in seinem Quartier sitzt und sich an die Zeit vor 45 oder 46 Jahren zurückerinnert, als er ein junger, idealistischer Abiturient war und das Bewerbungsformular für die Sternenflottenakademie ausfüllte. Dabei unterwarf er sich widerspruchslos dem alltäglichen Rassismus in der Föderation und machte die nötigen Angaben über seine Vorfahren, weil das eben von ihm verlangt wurde. Heute ist er älter und durch zahlreiche Erlebnisse wie die Konfrontation mit Satie gereift, was zu einer neuen Bewertung seiner Naivität von damals führt. Ich ergänze das in meinem Kopf, hätte aber gern in der Folge einen entsprechenden Hinweis gesehen. Das hätte vielleicht sogar in die Szene mit Worf gepasst.

    Wenn ich so darüber nachdenke, ist “Das Standgericht” aber so vollgepackt, dass für eine zusätzliche Szene einfach kein Platz war. Hier wird keine einzige Sekunde vergeudet und das rechne ich den Machern sehr hoch an. Viele andere Episoden enthalten Szenen, die man auch gut hätte wegschneiden können, aber hier ist es anders. Möglicherweise wurde, wie das in Film- und Serienproduktionen üblich ist, eine Entscheidung zwischen zwei zur Auswahl stehenden Szenen getroffen und am Ende wurde eben diejenige realisiert, die man tatsächlich zum Schluss sieht. Irgendwie fehlt mir etwas, aber das macht die Episode nicht schlechter. Ich kann mir trotzdem meine Gedanken darüber machen und darauf kommt es ja letztendlich an. Die Themen sind eben sehr komplex und wie in “Wem gehört Data?” bleibt den Autoren in 45 Minuten nur sehr wenig Zeit, so dass sie Vieles einfach nur anschneiden oder streifen können und den Rest dürfen sich die Zuschauer zusammensetzen.

    Mini-Rant gegen die “toxischen” Zeitgenossen, die behaupten, “Star Trek: Picard” zerstöre die Utopie von Gene Roddenberry: Seine Utopie wurde schon 1991 zerstört, und zwar in dieser Folge. Guckt bitte erst mal Star Trek, bevor ihr darüber redet!

    PICARD bietet mehr als genug Angriffsfläche für Kritik, man muss gar nicht auf solche Plattitüden zurückgreifen, die bei näherer Betrachtung auch noch der Historie von Star Trek widersprechen. Die Serie gibt vor, die Geschichte von Jean-Luc Picard weiterzuerzählen. Wenn ich nach sieben Staffeln TNG an diesen Charakter denke, kommen mir zuerst dialoglastige Charakterfolgen wie “Wem gehört Data?”, “Auf schmalem Grat”, “Die alte Enterprise”, “Datas Nachkomme”, “In den Händen der Borg”, “Angriffsziel Erde”, “Das Standgericht” und einige weitere in den Sinn. Ich schätze, dass es vielen anderen TNG-Fans genauso geht. PICARD bezieht sich ja auch ganz direkt auf solche Episoden, aber Qualitäten wie Tiefe hinsichtlich Story und Charakterdarstellung oder philosophische Fragestellungen, die diese Folgen auszeichnen und zu Klassikern machen, finde ich dort nicht wieder. Das ist wirklich jammerschade! Natürlich bewerte ich die komplette Serie nicht anhand ihrer ersten Staffel, aber Charaktere wie Jean-Luc, Data, Bill, Deanna sind schon aus sieben Jahren TNG bekannt, müssen darum nicht extra eingeführt werden und stehen jetzt eigentlich schon für großartige Geschichten im Geiste ihrer direkten Vorgängerserie bereit. PICARD soll eine Serie für die Fans von TNG sein, tut sich aber bisher noch sehr schwer damit, diese großen Fußstapfen auszufüllen. Wieso bringt man den beinahe 80-jährigen Patrick Stewart als Jean-Luc Picard zurück, um dann eine Action-Story um die Rettung des Universums zu zeigen? Wir haben das Privileg, den direkten Vergleich zwischen TNG und PICARD ziehen zu können und dadurch fallen solche Diskrepanzen sofort auf.

    “Fackeln im Sturm” kenne ich auch und mit Jonathan Frakes, Kirstie Alley und Jean Simmons spielen drei Star Trek-Schauspieler mit.

    Die Verhöre erinnern sehr an die nach dem Senator Joseph McCarthy benannte “McCarthy-Ära” in der Anfangsphase des Kalten Krieges. Damals wurden in den USA sogenannte “Verschwörer”, angebliche Kommunisten und deren Sympathisanten verfolgt, auch wenn es sie gar nicht gab. Man überprüfte drei Millionen Staatsbedienstete auf ihre “politische Loyalität”. Auch berühmte Schauspieler wie Charlie Chaplin gerieten ins Visier der “Kommunistenjäger” und durften deswegen nicht in die USA einreisen oder standen auf der “schwarzen Liste”, so dass kein Filmstudio sie engagieren wollte. Dalton Trumbo, Drehbuchautor von “Spartacus” (1960) und “Papillon” (1973) verweigerte im Jahr 1947 rechtmäßig die Aussage vor dem “Komitee für unamerikanische Umtriebe” und wurde dafür zu einer elfmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Die Encyclopedia Britannica schreibt über den Begriff “McCarthyism”: “The term has since become a byname for defamation of character or reputation by means of widely publicized indiscriminate allegations, especially on the basis of unsubstantiated charges.” Genau das tun Satie und ihre Gefolgsleute in dieser Episode.

    Das Zitat von Aaron Satie
    “With the first link, the chain is forged. The first speech censured, the first thought forbidden, the first freedom denied, chains us all irrevocably.”
    ist für mich eine Warnung vor fanatischen Menschen, die überall Verräter und Verschwörungen wittern und so ist es von Aaron Satie und Picard auch gedacht. Es kann aber leicht von der “Gegenseite”, also Gruppierungen und Parteien, die nur vorgeben, “Recht und Gesetz” aufrecht erhalten zu wollen, für ihre Zwecke missbraucht werden. Das ähnelt der Skinhead-Bewegung, die in den 1960igern in der Londoner Arbeiterklasse entstand und ursprünglich nichts mit Rechtsradikalen zu tun hatte. In den 80igern übernahmen Rechtsextremisten den Look der Skinheads. Heute denken viele Menschen beim Wort “Skinhead” automatisch an Neonazis, weil die Fotos der “Glatzen” jahrzehntelang in den Medien verbreitet wurden. Das ist ein Beispiel für die Zweckentfremdung von solchen Zitaten. Anhänger*innen von rechtsnationalen Bewegungen und Parteien oder Teilnehmer*innen der Hygiene-Demonstration berufen sich darauf, dass ihre Rechte eingeschränkt wurden und sie entsprechend reagieren müssen. Dann wird in Berlin unter dem Motto “Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit” eine Demonstration veranstaltet, auf der einige Teilnehmer*innen Flaggen des deutschen Kaiserreichs schwenken. Ob der Titel eines NS-Propagandafilms und die Flagge einer Monarchie, deren Regierung eine imperialistische Politik verfolgte, viel mit unserem heutigen Verständnis von Demokratie und Meinungsfreiheit zu tun haben, muss jede/r für sich entscheiden.

    Generell finde ich es toll, wie zeitlos “The Drumhead / Das Standgericht” ist. Die Story war schon lange bevor sie geschrieben wurde relevant, nämlich Ende der 40iger Jahre zu Beginn des Kalten Krieges. Sie war 1991 relevant, sie ist im Jahr 2020 relevant und wird es auch darüber hinaus bleiben. Wegen ihres Settings im 24. Jahrhundert kann sie auch nicht “altern”, so dass es irgendwann altbacken wirkt oder man sich fragt, wieso die Charaktere keine modernen Technologien wie Smartphones und Internet nutzen. Es geht um Menschen, ihr Zusammenleben und ihre Gesellschaft und das wird IMMER relevant bleiben – um den Titel einer TOS-Folge zu benutzen – solange es Menschen gibt.

    Kurz und knapp: Ich bin genauso begeistert wie ihr! 😉

    LL&P
    2Voq

    P.S.: Chris, Worf tötet in “Reunion / Tödliche Nachfolge” tatsächlich Duras und nicht einen anderen Klingonen.

    1. Hi 2Voq,

      ein epischer Kommentar für eine epische Folge. Ich bin deinen Gedanken sehr gerne gefolgt und finde gerade jene zum Sternenflotten-Bewerberverfahren sehr interessant. Ich kann nur hoffen, dass es eine reine Formalität ist, ein kleines Ankreuzhäkchen, ähnlich wie männlich und weiblich. Allerdings, und das führt wieder zurück zu deinen Gedanken, ist selbst ein solches unbedarftes Ankreuzfeld dazu geeignet, Schindluder damit zu treiben, die Daten auszuwerten um die Ethnien aller Bewerber zu evaluieren und datentechnisch aufzubereiten – dies kann dann wieder zu Rassismus/Diskriminierung führen. Da kann ich wiederum nur hoffen, dass dies nicht geschieht, weil die Menschheit im 24. Jahrhundert, wie uns immer wieder weisgemacht werden soll (man sieht an Satie, dass Menschen auch in der Zukunft nur Menschen sind), so dermaßen fortschrittlich ist, nicht nur rein technologisch sondern v. a. gesellschaftlich – die Menschheit sei erwachsen geworden. Heutzutage sähe das sehr schnell sehr anders aus – ich habe bei uns im Betrieb eine Zeitlang im Betriebsrat gesessen und eine Vereinbarung zur Einführung einer neuen Arbeitstechnologie abgeschmettert, die recht simpel zur Überwachung der Standorte der Mitarbeiter und deren Produktivität missbraucht werden kann. Ich sitze nun nicht mehr in BR, diese Technik ist mittlerweile, modifiziert, eingeführt worden und, siehe da, die Mitarbeiter, die es betrifft, werden teils massiv überwacht (“Warum warst du 16 Minuten an Standort XY?”; “Sie haben in einer Stunde durchschnittlich 4,7 Aufträge erledigt, der Abteilungsschnitt liegt aber bei 8,1 – wir müssen mal über Ihre Arbeitseinstellung sprechen!” und so weiter…).
      Deswegen, ich hoffe, deine Gedanken gehen für Star Trek zu weit, muss allerdings feststellen, dass solche Dinge nie ganz aufhören werden – sowohl unpassende Datenerhebung, als auch diskriminierende Auswertung dieser Daten. Es wirft ein weniger gutes Licht auf die kleinen Dinge, die Großes bewirken können.

      Interessant, dass außer uns nur ein einziger dt. Podcast “The Drumhead” besprochen hat. Ich muss Flo und Pia mal wieder anhören (die übrigens hier ganz in der Nähe wohnen, hehe).

      Liebe Grüße von uns beiden und vielen Dank für deine vielen Eindrücke
      Chris

      PS: Ich als sehr großer TNG-Fan stimme mit dir komplett überein, was du zu der eigentlichen Serien-Prämisse von PICARD gesagt hast.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.