Folge 121 – TNG – Der Rachefeldzug

2 Gedanken zu „Folge 121 – TNG – Der Rachefeldzug“

  1. Hallo Anja, Hallo Chris! 🙂

    “The Wounded / Der Rachefeldzug” gehört zu meinen Lieblingsfolgen. Der englische Originaltitel ist wieder einmal besser als der deutsche, obwohl man die Folge auch einfach “Verwundungen” hätte nennen können. Interessant ist die Einführung der Cardassianer, die v.a. bei DS9 eine wichtige Rolle spielen werden. Spannend finde ich auch, dass der Nebencharakter Miles O’Brien weiter ausgearbeitet wird. Die Darsteller Marc Alaimo und Rosalind Chao geben sich hier schon wie später in DS9 die Klinke in die Hand.

    O’Brien bekommt in dieser Folge eine tragische Hintergrundgeschichte, da er vor Jahren als Soldat auf Setlik III gegen die Cardassianer kämpfte. Das finde ich gerade beim ihm glaubwürdig. Wie ihr sagt, hätte es einen der Hauptcharaktere überfrachtet. O’Brien nehme ich diesen Background aber sofort ab. Seinen Dialog mit dem Cardassianer und sein denkwürdiges Zitat
    “It’s not you I hate, Cardassian. I hate what I became because of you.”
    ist stark und weist darauf hin, in welche Richtung sich diese Folge entwickeln wird.

    Dreh- und Angelpunkt ist aber Captain Maxwell. Er ist nur in dieser einen Episode zu sehen und könnte genauso schnell in Vergessenheit geraten wie Kozinsky aus “Where No One Has Gone Before / Der Reisende” oder Admiral Mark Jameson aus “Too Short a Season / Die Entscheidung des Admirals”. Das passiert aber nicht, weil dieser Charakter in der kurzen Zeit wirklich gut ausgearbeitet wird. Maxwell ist Captain und steht damit auf derselben Stufe wie Picard. Der ehrliche und bodenständige O’Brien war sein früherer taktischer Offizier, sieht in ihm immer noch einen Freund und weiß nur Gutes über ihn zu berichten. Außerdem erfahren wir von dem Massaker auf Setlik III, bei dem Maxwells Familie von Cardassianern ermordet worden war. Anschließend verweigert Maxwell den Gehorsam gegenüber der Sternenflotte, indem er cardassianische Raumschiffe angreift und zerstört. All das geschieht, bevor Maxwell überhaupt auftaucht. Diesen Aufbau eines Charakters finde ich sehr gut und das sucht seinesgleichen.

    Als Maxwell dann endlich zu sehen ist, wird er von Bob Gunton, einem wirklich tollen Schauspieler, gespielt. Er hat zwar nur wenige Dialogzeilen mit Picard und O’Brien, aber diese Dialoge sind so gut geschrieben, dass sie den Nagel auf den Kopf treffen. Die Szene kurz vor Schluss, in der Maxwell und O’Brien die erste Strophe des irischen Liedes “The Minstrel Boy” singen, ist sehr emotional und in meinen Augen grandios! Es ist eine einfache, ruhige Charakterszene, in der zwei Darsteller zusammen ein Lied singen. Sie haut mich aber gerade deswegen auch nach Jahrzehnten immer wieder aus den Socken. Besonders schön finde ich, wie im Hintergrund leise die letzten Takte des Liedes gespielt werden. Die Szene ist zwar “simpel”, wurde aber sehr gut geschrieben, gespielt und inszeniert. Darüber hinaus hat man sie die gesamte Folge lang sorgfältig vorbereitet. Meiner Meinung nach gehört sie damit in eine Reihe von Szenen, die ähnlich aufgebaut sind und genauso gut funktionieren. Als Beispiele nenne ich hier:
    – “The City on the Edge of Forever”: McCoy versucht, Edith Keeler zu retten und wird dabei von Kirk zurückgehalten.
    – “Arena”: Kirk kann den Gorn töten, entscheidet sich aber bewusst dagegen.
    – “Star Trek II: The Wrath of Khan”: Spock stirbt kurz nach der Reparatur des Warpantriebs und verabschiedet sich von seinem Freund Kirk.
    – “The Measure of a Man”: Picard verteidigt bei einer Gerichtsverhandlung seinen Freund Data.
    – “The Best of Both Worlds”: Picard erscheint als Locutus auf dem Viewscreen und verlangt die Kapitulation der Crew, woraufhin Riker den Feuerbefehl gibt.
    – “Family”: Jean-Luc prügelt sich mit seinem Bruder Robert im Schlamm. Dabei wird klar, wie sehr in sein Trauma durch die Assimilierung belastet.
    – “Progress”: Nerys riskiert ihre Karriere, um Mullibok zu helfen. Am Ende entschließt sie sich aber schweren Herzens dafür, ihn gegen seinen Willen umzusiedeln.
    – “Duet”: Nerys lässt Marritza frei, weil sie von seiner Unschuld überzeugt ist. Dabei entwickelt sich zwischen den beiden ein starker Dialog (‘You have no idea what it’s like to be a coward, to see these horrors and do nothing.’).

    Ich könnte hier auch noch viele andere Szenen aus den verschiedenen Serien aufzählen. Gut geschriebene Storys, starke Charaktere, bewegende Geschichten und Szenen: D A S ist für mich Star Trek! Ein ethisches Dilemma oder eine zustätzliche Message nehme ich gern mit, wenn sie gut geschrieben und dargestellt ist. Das gehört aber zu den Dingen, die ich nicht in jeder Folge sehen möchte. Dramatik kann auch in solchen Szenen erzeugt werden, sie müssen eben vernüftig geschrieben sein. Dafür brauchen gute Drehbuchautoren, Regisseure, Kameraleute und Darsteller keine Action und – wenn überhaupt – nur wenig CGI. Mit Action, Designs und CGI überzeugt man mich ohnehin nicht. Mir geht es IMMER um Aspekte wie Story, Drehbuch, Charaktere, Inszenierung, Kameraarbeit und Regie. An dieser Stelle wiederhole ich eine Forderung, die immer wieder geäußert wird:
    “Nehmt den Produzenten das Geld weg, damit sie gute Storys verfilmen müssen und sich nicht auf die CGI-Wundertüte verlassen dürfen!”
    Ich habe natürlich keine Infos über das Budget der Episode, aber es ist eine Bottle Show, weil sie nur in den Kulissen der Enterprise spielt. Diese Episoden sind naturgemäß günstiger als solche mit aufwändigen visuellen Spezialeffekten, Außenaufnahmen, Kostümen etc.

    Diese Episode sollte man sich wirklich im Originalton anschauen. Die Gründe dafür sind die Original-Tonspur, die Stimmen der Darsteller und ganz besonders “The Minstrel Boy”. Es ist eines der besten englischsprachigen Lieder, die ich kenne. Besonders gut gefällt mir die Version von Joe Strummer & The Mescaleros aus dem Film “Black Hawk Down”. Sie wurde glaube ich auch im BSG-Reboot verwendet:
    https://www.youtube.com/watch?v=8PSTus_5bl8
    Die Szene zählt zusammen mit der früheren Szene im Zehn Vorne für mich zu den stärksten, schönsten und emotionalsten, die Star Trek jemals hervorgebracht hat. Wenn es das Wort “herzzerreißend” nicht schon gäbe, müsste man es erfinden, um sie zu beschreiben! Ich finde sie einfach legendär und unendlich gut. Diese Staffel hält für uns eine weitere Episode bereit, die ich genau wie “The Wounded / Der Rachefeldzug” in den “Olymp” der besten Star Trek-Folgen erhebe, aber dazu werden wir in ein paar Wochen kommen.

    Zur Thematik von “The Wounded / Der Rachefeldzug” passt auch der Song “Brothers in Arms” von den Dire Straits:
    https://www.youtube.com/watch?v=7dBRQvXe91g

    Die Schlussszene mit Picard und Gul Macet verdeutlicht noch einmal Picards Misstrauen gegenüber den Cardassianern und wie gut er Maxwell trotz seiner Verbrechen versteht. Er musste einen Kameraden ins Gefängnis bringen, um gegenüber den Cardassianern, denen er selbst ganz erheblich misstraut, den Frieden zu wahren. Hier sieht man, wie sehr es in im Captain brodelt und dass er sich mit aller Kraft unter Kontrolle halten muss. Dadurch entsteht ein Bogen zum Anfang der Folge und ein guter Abschluss. Sehr schön finde ich Picards Zitat über Maxwell:
    “…if he could not find a role for himself in peace, we can pity him, but we shall not dismiss him.”

    Die Episode hat kleine Schwächen, die ich ihr aber gern verzeihe. Sie holt mich einfach emotional so gut ab, dass mich das nicht weiter stört. Die Einführung der Cardassianer finde ich sogar sehr gelungen. Wir erfahren ja schon eine Menge wichtiger Details über sie: Die Cardassianer sind eine Militärmacht im Alpha-Quadranten, gegen die die Föderation vor einiger Zeit Krieg führte. Dieser immer noch bestehende Konflikt wird durchaus vielschichtig dargestellt. Obwohl cardassianische Truppen auf Setlik III ein Massaker an Zivilisten verübten, sind nicht alle Cardassianer blutrünstige Monster. Außerdem wird mit Maddox und im Dialog zwischen O’Brien und dem Cardassianer im Zehn Vorne deutlich, dass es auch Menschen gibt, die ihren Hass nicht überwinden können oder wollen. Gul Macet bleibt blaß, ist aber ein verantwortungsbewusster Captain, dessen Haltung ich nachvollziehen kann. Die Cardassianer haben ein sehr großes Potential, was in TNG und DS9 ausgenutzt wird und das ist hier schon gut erkennenbar. Auch wenn ich die Cardassianer mit anderen Spezies vergleiche, kommen sie gut weg: “The Last Outpost / Der Wächter” ist die erste Ferengifolge und “Heart of Glory / Worfs Brüder” ist die erste Klingonenfolge. In beiden Episoden wird die jeweilige Spezies eingeführt, aber sie besitzen bei Weitem nicht die Tiefe und Stärke von “The Wounded / Der Rachefeldzug.” Das ist wahrscheinlich ein unfaires Urteil, trotzdem zeigt uns die aktuelle Episode, wie treffend eine neue Spezies in einer einzelnen Folge vorgestellt werden kann. Mir gefällt, wie gut die Cardassianer hier schon in ihre Rolle der späteren TNG- und DS9-Episoden passen. Ferengi und Klingonen wurden im Vergleich zu ihrer Einführungsfolge später meiner Meinung nach deutlich stärker verändert als die Cardassianer.

    Bei mir gehen für “The Wounded / Der Rachefeldzug” alle verfügbaren Daumen himmelwärts! Ihr vergebt keine Awards, aber ich verleihe der Episode einen DeForest Kelley Award of Excellence. Bravo, Star Trek!

    “The Shawshank Redemption / Die Verurteilten” mag ich genauso sehr wie ihr, weil es wie “The Wounded / Der Rachefeldzug” ein großartiges Charakterdrama ist. Hier zeigt sich wieder das, was ich mantra-artig ‘predige’:
    “Jede Story sollte unabhängig vom Medium oder Genre im Kern ein Charakterdrama sein.” ‘Charakterdrama’ heißt: Es geht um die Figuren (Menschen), ihre Geschichte, Gedanken, Emotionen, Wünsche, Hoffnungen, Ängste, Probleme und wie sie damit umgehen. Wenn ich diesen Anspruch an Star Trek und seine Geschichten anlege, erkenne ich sofort die Geschichten, die ich mag und warum ich sie mag.

    Herzlichen Dank für das Lesen meiner langen Kommentare! 😉

    LG
    2Voq

    1. Hi 2Voq,

      wir danken dir sehr für deine Kommentare, ganz egal wie lang sie sind. Wir finden deine Beiträge immer sehr zutreffend und auch wenn du eine Folge mal anders sehen solltest als wir (was oft ja nicht vorkommt) untermauerst du deine Argumente so, dass ich es gut verstehen kann, wie du es meinst und dir sehr gut folgen kann. So auch dieses Mal wieder, deine Ergänzungen sind wirklich sehr gut und detailliert, ich mag gerade diese etwas anderen Beobachtungen mit Querverweisen auf weitere oder bereits gelaufene Folgen.
      Danke dir auch für deine großartigen Links, besonders den von letztens mit den Synchronsprecher-Interviews. Habe etwa die Hälfte durch und finde es sehr faszinierend, da ich dieses Berufsfeld auch mal ganz interessant fand. Und die Musiklinks von dieser Woche haben mich auch sehr gefreut. Wir sind beide sehr an Musik interessiert und lieben neue Eindrücke.

      Da es heute und allgemein in der Woche sehr voll ist, schließe ich verspätet und kurz mit diesem lieben Gruß
      Chris 😉

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