Folge 079 – TNG – Wem gehört Data?

In unserer zweiten Special-Folge der zweiten Staffel TNG stellen wir uns eine an sich simple Frage: Was ist Data? Klar, denken viele, ein Android, was sonst?! Sicher kein Toaster oder eine Seifenkiste… aber ist Data vielleicht sogar ein Lebewesen? Ist er fühlend, denkend, wissend, sich sorgend und selbstbewusst?

Keine einfache Frage. Wir versuchen dies zu ergründen, in einem etwas anderen Rahmen als sonst. Wir gucken Wem gehört Data? – mehr als 1 Mal.

Viel Spaß!

2 Gedanken zu „Folge 079 – TNG – Wem gehört Data?“

  1. Hi Anja und Chris!

    Ich versuche mal, meine Gedanken zu “The Measure Of A Man / Wem gehört Data?” zu sammeln. Aufgrund der Komplexität der Story mag es sein, dass mir Fehler unterlaufen, auf die ihr mich gern hinweisen dürft.

    Bei dieser Folge steht ein Elefant im Raum, und das ist die Frage, warum Datas Status nicht längst geklärt wurde. Die Gerichtsverhandlung, in der ein für alle Mal festgestellt wird, ob Data eine bloße Maschine oder ein menschenähnliches Lebewesen mit Rechten und Pflichten ist, hätte schon viel früher stattfinden müssen. Genauer gesagt: Sie hätte stattfinden müssen kurz nachdem Data auf Omicron Theta gefunden wurde. Die Diskussion um Intelligenz und Bewusstsein während der Verhandlung stellt diese Notwendigkeit unter Beweis. Wenn die Sternenflotte heute (zum Zeitpunkt der Episode) nicht weiß, ob Data eine Maschine und damit ihr Eigentum ist, dann wusste sie es bei seinem Auffinden erst recht nicht. Wieso hat man ihm überhaupt gestattet, in die Sternenflotte einzutreten, die Akademie zu besuchen, einen Abschluss zu machen, ein Offizierspatent zu erwerben, an Bord von Raumschiffen zu dienen und Menschen Befehle zu erteilen – das tun Offiziere nämlich! – und sie im Ernstfall sogar in gefährliche Einsätze zu schicken? Picard sagt ja selbst, dass er seine Leute auf riskante Missionen entsenden musste und Data befindet sich als Führungsoffizier in derselben Lage. Ich finde es interessant, dass die Föderation immer noch keine klare, rechtsverbindliche Haltung zu Androiden und künstlichen Intelligenzen hat, obwohl schon zu Kirks Zeiten sehr menschenähnliche Androiden gebaut wurden.

    Maddox sprach sich zwar dagegen aus, dass Data die Sternenflottenakademie besuchen darf. Data hätte aber auch ohne einen Abschluss von der Akademie an Bord eines Sternenflottenraumschiffes dienen können. So wie ich es verstanden habe, werden an der Akademie nur Offiziere ausgebildet, eben die besten der besten. Die Sternenflotte ist zwar eine teilweise militärische Organisation (was ihr ja auch ansprecht), aber die Besatzungen der Kriegsschiffes der US Navy während des 2. Weltkrieges bestanden zu ca. 10% aus Offizieren. Bei der Sternenflotte dürfte es ähnlich sein. Simon Tarses (“The Drumhead / Das Standgericht”) ist beispielsweise Crewman first Class und damit Mannschaftsmitglied, kein Offizier. Man hätte grundsätzlich klären müssen, wie Datas Status ist und ob er sich überhaupt auf dem Gebiet der Föderation bzw. an Bord eines ihrer Raumschiffe aufhalten darf.

    Ich stelle mir gerade die folgende Frage: Was wäre passiert, wenn vor dieser Folge ein Crewman der Enterprise unter Datas Kommando gestellt worden wäre und sich einfach weigert hätte, seine Befehle auszuführen? Damit hätte er zunächst eine Gehorsamsverweigerung begangen. Zu seiner Verteidigung hätte er aber anführen können, dass Data eine Maschine (ein Toaster) ist, die von einem anderen Menschen erschaffen wurde. Maschinen haben DEN MENSCHEN zu dienen, anstatt ihnen Befehle zu erteilen! Der Schiffscomputer gibt dem Captain ja auch keine Befehle. Ein lernender Algorithmus, der von LaForge zur Analyse großer Datenmengen entwickelt wurde, begehrt nicht gegen seinen Schöpfer auf und erteilt IHM plötzlich Anweisungen. Solange Datas Status nicht abschließend geklärt wurde, darf man diese Haltung ablehnen, aber rechtlich gesehen ist es ein Streitpunkt und muss behandelt werden. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass die Frage nach Datas Status schon viel früher aufgetaucht wäre und nicht erst nachdem er jahrelang in der Sternenflotte und an Bord verschiedener Raumschiffe gedient hat.

    Als man Data fand war er noch kein Sternenflottenoffizier, er hatte keine Orden und Auszeichnungen, keine Freunde an Bord der Enterprise, keine Beziehung zu Tasha Yar usw. Vor allem genoß er nicht die Unterstüzung eines so intelligenten und leidenschaftlichen Verteidigers wie Picard! Eigentlich wäre es nötig gewesen, ihn von Spezialisten in einem Labor untersuchen zu lassen, so wie Odo von Dr. Mora untersucht wurde. Data gibt ja bereitwillig über sich selbst Auskunft und hat auch keinen Grund zu lügen. Ohne nähere Informationen und die Überprüfung seiner Angaben kann man ihn aber nicht einschätzen und er hätte auch eine Killermaschine sein können, die plötzlich Menschen in ihrer Umgebung wahllos angreift. Der Weltraum ist nun einmal gefährlich und auch ein Lebewesen wie Horta, das sich nach einer Eskalation der Gewalt als friedliebend herausstellt, hat zuvor Menschen getötet um sich zu verteidigen. Wir wissen nur wenig über Datas Verhältnis zu den Kolonisten. Vor ihm hatten sie im Gegensatz zu seinem “Zwillingsbruder” Lore keine Angst, das ist alles. Ein ähnlicher Prozess kurz nach seinem Auffinden wäre ohne jeden Zweifel zu Ungunsten Datas ausgegangen.

    Lore machte den Menschen Angst, weil er ihnen ZU ähnlich war, menschliche Emotionen und Verhaltensweisen besaß. Datas Wunsch besteht darin, menschlicher zu werden und dazu gehören all die kleinen und großen Dinge, die uns Menschen ausmachen: Emotionen, Beziehungen, Freundschaften, Sexualität, Träume, Hoffnungen, Spiritualität, Religion, Sorgen, Fehlschläge, etc. Wenn ein anderer von Dr. Soong geschaffener Androide, nämlich Lore, aufgrund seiner Eigenschaften für Menschen gefährlich war, was bedeutet das für Data? Kann man ihm verbieten, sich weiterzuentwickeln? Was ist, wenn Datas positronisches Gehirn einen fatalen Konstruktionsfehler hat, der bis jetzt noch nicht entdeckt wurde? Data ist in vielen Situationen wie ein Kind, weil er viele Erfahrungen, die für seine erwachsenen Kollegen selbstverständlich sind, noch nicht gemacht hat. Insofern ähnelt er Wesley. Der große Unterschied zwischen Data und Wesley ist aber, dass Data keine Eltern und keinen Vormund hat. Dr. Soong müsste eigentlich diese Rolle übernehmen, weil Data sein “Sohn” ist, d.h.: er trägt – zumindest bis zu einem gewissen Teil – die Verantwortung für ihn und seine Taten. Weil Dr. Soong nicht anwesend ist, muss jemand anders für Data einstehen. Dafür kommen nur seine Freunde an Bord der Enterprise in Frage. Dabei stellen sich weitere Fragen: Wer genau soll für Data verantwortlich sein? Wie lange soll diese Verantwortung bei einem potentiell “unsterblichen” Androiden dauern?

    Picards Analogie nach dem Motto “Menschen sind auch nur Maschinen, aber sie haben eine andere Bauart” finde ich zu einfach. Mein Einwand ist hier, dass Maschinen von Menschen für einen bestimmten Zweck gebaut werden. Wer hat die Menschen “designt” und “gebaut”? Diese Analogie setzt voraus, dass man an Gott und die christliche Schöpfungslehre glaubt. Picards Vergleich mit Kindern, die von ihren Eltern erschaffen werden, hinkt ebenfalls. Ein Roboter kann schließlich so gebaut werden, wie es gewünscht oder notwendig ist, z.B. mit vier Armen oder zwei Gehirnen. Egal wie der Roboter aussieht: Es ist ein Roboter. Ein Kind wird aber i.d.R. nicht von seinen Eltern nach ihren Vorstellungen “gestaltet”, es sei denn, wir reden von den sogenannten “Designerbabys”. Das ist jedoch eine eigene Diskussion. Ich finde Picards Einwand hier unpassend. Klar, er verfolgt das richtige Ziel, die Analogie hat trotzdem Schwächen. Damit kritisiere ich aber nicht die Episode, es ist nur eine andere Meinung zu Picards Beweisführung.

    Picard argumentiert, dass Maddox eine Spezies von Androiden erschaffen würde. Data ist der einzige Androide in der Sternenflotte, sein Bruder Lore hat sich schon als Gefahr entpuppt und in der Zukunft werden wir weitere, von Dr. Soong konstruierte Androiden kennenlernen. Ich bin darum der Meinung, dass die neune Spezies schon längst existiert! Inwiefern man Ruk & Co. aus TOS in diese Betrachtung einbezieht, bleibt jedem selbst überlassen. Schon TNG bietet genug Stoff für Diskussionen. Durch das Gerichtsverfahren in dieser Episode wird ein Präzedenzfall geschaffen, der für ähnlich gelagerte Fälle richtungsweisend ist. Schlimmstenfalls könnte durch Louvois’ Urteil eine Sklavenrasse von Androiden erzeugt werden. Wenn ich Datas humanoiden Körper vernachlässige und seine Programmierung hervorhebe, dann ist er in erster Linie eine künstliche Intelligenz (KI). Weil Data als eigenständiges Lebewesen anerkannt wird, müsste dies logischerweise auch für andere KIs gelten. Wir haben schon eine andere KI kennengelernt, die es mit Data aufnehmen kann, nämlich James Moriarty. Die beiden haben einige Gemeinsamkeiten: Sie wurden von Menschen erschaffen, besitzen Intelligenz, Bewusstsein, einen Selbsterhaltungstrieb sowie eine menschliche Gestalt. Empfindungsfähigkeit und Gefühle gestehe ich sowohl Data als auch Moriarty zu. Moriarty führt in seiner Diskussion mit Picard sogar Data als Beispiel dafür an, dass eine Maschine als Lebewesen akzeptiert wird! Er wurde zwar als Bösewicht geschrieben, aber das geht auf den Romanautor Sir Arthur Conan Doyle zurück. Data trägt ja auch keine Verantwortung für die Eigenschaften, die er von seinem Schöpfer Dr. Soong erhalten hat. Wenn man die Konsequenzen aus Louvois’ Richterspruch ziehen möchte, dann muss Moriarty dieselben Rechte bekommen wie Data. Ansonsten wäre er zu “servitude and slavery” verurteilt.

    Aus Maddox’ Sicht kann man behaupten, dass Datas menschliches Erscheinungsbild und seine Verhaltensweise dem Menschen nachempfunden sind und von ihm nur simuliert werden, um menschlicher zu erscheinen. Meine Gegenfrage hierzu lautet: Spielt das eine Rolle? Data passt sich seiner Umgebung an, so wie jeder Mensch sich mehr oder weniger seiner Umgebung anpasst. Wenn ein Kind aufwächst und meine Bezugspersonen Deutsch sprechen, dann lerne es automatisch selbst Deutsch. Wenn seine Bezugspersonen religiös sind, wird es (höchstwahrscheinlich) auch religiös. Wenn seine Bezugspersonen bestimmte Verhaltensweisen haben, wird es sie übernehmen usw. Menschen lernen durch Nachahmung und Data tut das auch. Er sieht aus wie ein Mensch, bewegt sich wie ein Mensch, spricht wie ein Mensch, verhält sich wie ein Mensch… das letzte Quäntchen zum Menschsein wird ihm verwehrt bleiben, weil er nicht gezeugt und geboren wurde und wahrscheinlich nicht altern kann. Er ist aber menschenähnlich genug, um bei seinen Kollegen Sympathie zu erwecken und sogar Freunde zu finden. Wie ich es oben beschrieben habe, hätte sein Status trotzdem schon viel früher geklärt werden müssen.

    Eine andere spannende Frage ist, ab welchem Zeitpunkt man Data als Lebewesen bezeichnen kann. Dr. Soong baute ihn aus Metall- und Kunststoffteilen zusammen, die selbst unbelebt sind. Im Gegensatz dazu besteht der Körper eines Menschen aus lebenden Zellen. War Data schon lebendig, bevor er von Dr. Soong zum ersten Mal aktiviert wurde? Ein wichtiges Kritierium zur Festlegung seines Status ist die Tatsache, dass er bei den Menschen Freunde gefunden hat. War er kein Lebewesen, als er noch keine Freunde hatte? Musste er sich zu einem gewissen Level entwickeln, um als Lebewesen zu gelten? Wie sieht es mit seiner Intelligenz und seinem Bewusstsein aus? Hat sich das auch erst im Laufe der Zeit entwickelt oder war es von Anfang an vorhanden? Hatte Dr. Soong überhaupt das Recht, mit Data, Lore und den anderen Androiden neue Lebensformen zu erschaffen? Meiner Ansicht nach benötigt die Föderation einen Ethikrat, der über solche Fragen diskutiert und Entscheidungen trifft. Im Moment sieht es so aus, als ob Dr. Soong einfach mal so auf seinem Planeten vor sich hingewerkelt hat. Jahre später müssen sich andere Menschen mit den Folgen seiner Arbeit auseinandersetzen. Ein Gerichtsverfahren ist dabei noch die harmlose Variante, Lore brachte schon die über eintausend Mann starke Besatzung der Enterprise-D in Gefahr. Shit happens?!

    Ich finde “The Meassure Of A Man / Wem gehört Data?” hervorragend, aber nicht perfekt. Mich stört nämlich die Tatsache, dass Picard und Riker, also ausgerechnet die beiden Menschen, zu denen Data die stärkste Beziehung aufgebaut hat, für diesen Prozess dienstverpflichtet werden. In meinen Augen geht dadurch die Unabhängigkeit verloren, die ein Gericht haben muss. Louvois erklärt zwar, sie habe zu wenig Leute, aber das kann ich nicht glauben. Es wird doch auf dieser Raumstation zwei qualifizierte Offiziere geben, die an einer Gerichtsverhandlung teilnehmen können! Wie wäre es wohl ausgegangen, wenn anstelle von Picard ein anderer Captain, der Data nicht kennt, seine Verteidigung übernommen hätte? Diese Entscheidung der Autorin ist einfach der Dramatik geschuldet und für mich funktioniert es. Das ist nur ein kleiner Kritikpunkt, ich wollte ihn trotzdem erwähnen.

    Die Implikationen dieser Episode für die Weiterentwicklung von lernenden Algorithmen und allgemeiner künstlicher Intelligenz (sofern es sie jemals geben sollte) sind natürlich gewaltig. Darauf möchte ich jetzt aber nicht eingehen, mein Kommentar ist schon wieder lang genug.

    Ich freue mich sehr, dass ihr die hohe Qualität der 2. TNG-Staffel nochmal betont. Gerade in dieser Episode werden ganz viele wichtige Dinge, die die Serie ausmachen, aufgebaut oder weiterentwickelt, z.B. die Pokerspiele der Crew, O’Brien (der noch keine große Rolle hat, aber immer mehr Teil der Mannschaft wird), Dialoge zwischen Guinan und Picard, Picard als Philosoph und das berühmte “Crew-Gefühl”. In Kommentaren lese ich oft Sätze wie diesen hier:
    “Bei TNG, DS9 und VOY war jeweils die erste Staffeln so unglaublich hölzern gespielt, dass es unangehm war.”
    Diese Aussage finde ich so pauschal, das es unangenehm ist! 🙂 Da möchte ich jedes Mal den Autoren/die Autorin dazu einladen, sich die 2. Staffel von TNG mit mir anzuschauen. Danach würde ich fragen, ob er/sie die Meinung geändert hat. Ich finde, TNG ist schon nach anderthalb Staffeln auf dem Niveau der besten TOS-Episoden (z.B. “The City on the Edge of Forever / Griff in die Geschichte”).

    Mein Motto lautet:
    “Gerüchten zufolge ist die 2. TNG-Staffel schlecht. Glauben Sie das nicht!”

    MfG

    2Voq

    P.S.: 1 Petabyte = 1 Million Gigabyte, ich habe es nachgeschaut! 😉
    Giga = 10^9
    Peta = 10^15
    10^6 * 10^9 = 10^(6 + 9) = 10^15 => 1 Petabyte = 1 Million Gigabyte

    1. Hi 2Voq,

      du hast natürlich vollkommen recht, eigentlich sollte die Frage nach Datas rechtlichem Status an viel früherer Stelle geklärt werden. Spätestens als Maddox seinerzeit insistiert hatte, Data könne nicht zur Akademie gehen. Da hätte man aufhorchen müssen und sagen: “Ah, Moment mal, wir sollten das genauer ergründen! Was ist er/es?!”
      Aber nun ja, aus dramaturgischer Sicht bin ich natürlich froh, dass es so viel später geschah, damit wir Zeuge werden konnten. Hätte mich auch mal interessiert, wie das Verfahren ausgesehen hätte, wenn Louvois entsprechendes Personal gehabt hätte und Picard und Riker (und auch Maddox) als Zeugen oder emotionale Zwischenrufer aus dem Publikum zu hören gewesen wären.

      Ansonsten bin ich gerade auch sehr auf unser Staffel-Fazit gespannt, weil die zweite Season auch noch zu den schlechten zählte und es angeblich erst ab Runde 3 richtig losging. Aktuell bin ich da nicht mehr so sicher, gerade im Detail verstecken sich gute Perlen.

      Bis dahin erstmal schöne Grüße
      Chris

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